erschienen in der taz, die Tageszeitung, am 9. Mai 2021

Wir waren nur ein paar Monate in so etwas wie einem Lockdown. Nacktmulle sind es immer. Von ihnen kann der Mensch lernen – über Gesundheit und das Altwerden.

Keiner rein, keiner raus. China hat es schon Anfang letzten Jahres bewiesen, Spanien Ende März: Ein harter Lockdown bringt’s. Denn wer sich wegschließt, fängt sich keine Keime ein. Was unsereins derzeit hochgradig an die Nieren geht, machen Nacktmulle schon immer so – und sind deshalb für die Wissenschaft hochgradig interessant, nicht erst seit Corona. Was Gesundheit und Altwerden betrifft, sind uns die rattenähnlichen Tiere nämlich viele Schritte voraus.

Nacktmulle leben unter der Erde Ostafrikas, in langen Tunnelsystemen. Sie hören nicht viel, sehen nicht viel – und auch nicht sonderlich schön aus. Aber man sieht sie ja sowieso nicht. Nur die paar Exemplare, die im Zeichen der Wissenschaft durch Acrylglasröhren watscheln, etwa im Keller des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin, bekommen Menschen zu Gesicht. Dort gehen die Tiere in gut gewärmten Glaskästen ihren Nacktmullgeschäften nach. Ein Stück Süßkartoffel von hier nach dort tragen. Ein bisschen Möhre von dort nach hier.

In Laboren wie diesen fand man zum Beispiel heraus, wie sozial diese erstaunlichen Säugetiere organisiert sind. Nacktmulle leben in Staaten, wie wir es sonst nur von einigen Insekten kennen. In einer Kolonie mit bis zu 300 Tieren arbeiten Soldaten, Bauarbeiter, Ammen, Reinemachkräfte – angeführt von einer Königin.

Thomas Hildebrandt ist seit Mitte der Neunziger Nacktmullfan. „Ich habe eine trächtige Königin mit Ultraschall untersuchen dürfen“, erzählt der Wissenschaftler. „Damals war mir noch nicht klar, was für Sonderlinge das sind.“ Die allererste Kolonie hat Hildebrandt 2008 nach Berlin gebracht. Von Kollegen aus Albuquerque, New Mexico, im Tausch gegen ein Elefantenbaby. Oder besser gesagt: im Tausch gegen die erfolgreiche Besamung einer Elefantenkuh. Diese kostbare aller­erste Königin musste nun abdanken.

Zwanzig Jahre hat sie mit eiserner Hand regiert. Sie ging über Leichen, um ihren Thron zu verteidigen. Dann wurde sie um die Ecke gebracht – ohne große Gegenwehr. Ein gezielter Biss in die Wirbelsäule besiegelte ihr Schicksal. Thomas Hildebrandt hat schon wesentlich größere Blutbäder erlebt. „Offenbar hatte die Königin keine Verbündeten mehr an ihrem Hof“, sagt der Tiermediziner. „Sie war ja auch schon sehr alt.“ Das Staatsoberhaupt hatte kaum noch Backenzähne.

Zähne wachsen außerhalb der Schnauze

Ordentliche Zähne brauchen Nacktmulle aber. Zum Fressen, zum Schleppen, zum Kämpfen und natürlich zum Graben. Dafür tragen sie ihre gewaltigen Schneidezähne außerhalb ihrer Schnauze. „Was wirklich praktisch ist“, sagt Hildebrandt, „wenn man beim Buddeln nicht ständig auf Dreck herumkauen will.“

Nach dem Sturz der Königin herrschte eine Woche lang Anarchie. Thomas Hildebrandt hatte keine Ahnung, welche Mullin die Thronfolge übernehmen würde. Erst ein Ultraschall gab Aufschluss: Die Königsmörderin selbst führt das Matriarchat nun an. Das einzige Tier, das eine leichte Wunde an der Schnauze davongetragen hatte, ist trächtig.

Unter dem Boden der Savannen und Steppen blieben Nacktmulle die längste Zeit unbemerkt. Die Tiere sind unter Tage sicher in ihren Bauten, ohne Kontakt zur Außenwelt. Harter Lockdown, für immer. Bei den äthiopischen Süßkartoffelbauern sind die Tiere als unheimliche Teufel bekannt. Nicht etwa, weil sie ihnen die Ernte wegfressen würden. Im Gegenteil, die cleveren Mulle nagen Knollen und Wurzeln immer nur so weit an, dass sie auch wieder nachwachsen. Stattdessen versetzen die kleinen Nager die Landwirte in Angst und Schrecken, weil sie versehentlich ihre Kamele umbringen.

Kein Scherz. Nacktmulle graben mit ihren Zähnen, und das ziemlich schnell und rabiat. Wenn sie sich mit ihren Hauern in Richtung Erdoberfläche beißen, erwischen sie ab und an auch mal einen dort herumdösenden Paarhufer. Und weil die Zähne der Nacktmulle dermaßen mit Bakterien verseucht sind, fangen sich die Kamele lebensgefährliche Blutvergiftungen ein.

Lange Zeit hatte die Wissenschaft keinen blassen Schimmer von den Mullen. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie von einem deutschen Biologen beschrieben. Allerdings dachte der, dass es sich um Jungtiere anderer felltragender Nager handeln würde. Über hundert Jahre später wurden die Nacktmulle sozusagen zum zweiten Mal ent­deckt. Seitdem werden die Geheim­nisse dieser Tiere nach und nach gelüftet.

Privileg, sich nicht anpassen zu müssen

Thomas Hildebrandt sitzt in seinem Büro vor dem Rechner und zeigt Videos, die er in Äthiopien aufgenommen hat. Eines zeigt die Farmer und ihre Felder mit ein paar Löchern im rotbraunen Boden. Auf einem anderen ist die Erde zu sehen, wie sie in hohem Bogen aus den Löchern katapultiert wird. Viel mehr Hinweise auf die Nacktmulle sind über Tage nicht einzufangen.

Dann folgt ein Video aus dem Inneren eines Mulltunnels, das der Forscher mit einem Endoskop gefilmt hat. Die Nacktmulle halten das Instrument für eine Schlange, ihre einzige Fressfeindin. Man kann sehen, wie ein großer, dicker Nacktmull an die Front geschickt wird. Er stellt sich dem Endoskop in den Weg. Seine Artgenossen verschließen hinter ihm den Gang. Der Dicke greift das Endoskop an, bereit, sich für sein Volk zu opfern. Hildebrandt tritt mit seinem teuren Messinstrument den Rückzug an.

Die Mulle im Labor des Berliner IZW müssen keine Schlangenattacken abwehren. Sie tapsen durch die durchsichtigen Röhren, mit Chips unter der Haut, durch Lichtschranken registriert und von Kameras überwacht. So wollen die Forschenden mehr über das Sozialverhalten der Tiere lernen. Inzwischen sind die meisten Rollen und Aufgaben bekannt. Wer den Bau sauber hält, wer Nahrung beschafft, wer sich um den Nachwuchs kümmert, wer die Königin besteigen darf. Manche Nacktmulle dienen als lebende Wärmekissen. Wird es den anderen zu kühl, rennen sie ein paar Runden um den Block und heizen dann, außer Puste, mit ihrer eigenen Körperwärme das Nest wieder auf.

Besonders faszinierend ist aber die Königin. Steigt ein Weibchen zum Staatsoberhaupt auf, verändert es sein Äußeres. Die Haut wird heller, manche Knochen beginnen zu wachsen. „Sie produziert ständig Biomasse und wird immer länger“, erklärt Hildebrandt. So passen gut zwei Dutzend Babys in die Königin. „Sie bricht biologische Gesetze. Wir haben noch längst nicht alle Zusammenhänge begriffen.“

Der grundlegende Ursprung der biologischen Andersartigkeit könnte im harten Lockdown liegen. In ihren Tunneln müssen sich die Nacktmulle nicht an veränderte Umwelteinflüsse gewöhnen, während sich der Mensch und die meisten anderen Lebewesen ständig anpassen müssen. Wir tun das, indem wir unser Erbgut mischen und neu ausrichten. Wir produzieren neue Generationen. Die können sich dann mit den neuen Bedingungen da draußen herumschlagen. Rein biologisch gesehen ist unser Lebenssinn danach vorbei. Bei den Nacktmullen ist das anders. Sie genießen das Privileg, sich nicht anpassen zu müssen. Sie können es sich leisten, lange zu existieren.

Quasi Methusalem

Tatsächlich können Nacktmulle unheimlich alt werden. Gut zwei bis drei Jahrzehnte sind es. Verglichen mit anderen Nagetieren wie Meerschweinchen, Hamster und Ratte ist der Mull quasi Methusalem, und das ganz ohne Alterserscheinungen. Offenbar können Nacktmulle ihre Zellen besser und länger reparieren, auch die gebildeten Proteine bleiben stabil. Kommt hinzu: Eine langkettige Blutzuckerverbindung, die Zellen daran hindert, sich in Krebszellen zu verwandeln, bleibt in den kleinen Nagern konstant hoch. Nacktmulle sterben höchstens im Säuglingsalter, weil sie nicht genug Futter abbekommen, oder später an Bisswunden, aber nicht an Krebs oder Infekten.

Darüber hinaus haben sie ein vermindertes Schmerzempfinden. Sie nehmen äußere Reize wie Hitze oder Bisse zwar wahr, jedoch scheint der Schmerz auszubleiben, da in der Haut das dafür verantwortliche Molekül fehlt. Kurzum: Was sich auf zellularer Ebene in den Nacktmullen abspielt, geht in Richtung Superheldenkräfte.

Inzwischen sei der Nacktmull zum Star am biomedizinischen Forschungs­himmel aufgestiegen, sagt Thomas Hildebrandt. Etliche Institute auf der ganzen Welt forschen an den Tieren; die einen tauschen ihre Ergebnisse aus, die anderen nicht.

Im Verborgenen bleibt etwa die Mullforschung von ­Googles Biotech-Unternehmen Calico, das menschliches Altern untersucht. Die Forscher hoffen, die mullischen Mechanismen zu durchschauen und auf unsere Körper zu übertragen. Aber bis klar ist, wie das funktioniert mit Krebs heilen, Knochen wachsen lassen, und die Lebensdauer verzehnfachen, dauert es wohl noch eine Weile.

UND HIER NOCH WAS ZUM LERNEN:

Gegen den Krebs

Von Krebs sprechen wir, wenn Zellen außer Kontrolle geraten und nicht mehr das tun, was sie eigentlich tun sollen. Stattdessen wachsen sie lieber enorm. Je mehr Zellen ein Organismus hat und je älter dieser wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Zellen irgendwann derartigen Unfug tun. Bei Nacktmullen jedoch sind nach Jahrzehnten der Forschung kaum Krebserkrankungen beobachtet worden. Jedenfalls nicht in den Laboren, die Nacktmullkolonien halten.

Deshalb untersuchten Forschende der University of Rochester in New York, Shanghai und Haifa sowie etwas später auch die Cambridge Universität und das Leibniz-Institut in Berlin die ungewöhnliche Krebsimmunität der Tiere. Die Ursache ihres Anti-Krebs-Mechanismus scheint in den Zellen im mullischen Bindegewebe zu liegen, den Fibroblasten. Sie spielen eine wesentliche Rolle bei der Wundheilung. Diese Zellen stellen sehr langkettige Moleküle an Hyaluronsäure her. Diese Ketten schnüren sich um Zellen und halten sie von Dummheiten ab. Etwa daran, ungewöhnlich stark zu wachsen.

Hyaluronsäure bindet vergleichsweise große Mengen Wasser und steckt darum auch in manchen Nasensprays und Augentropfen, um der Austrocknung entgegenzuwirken. Ebenso ist die Säure entzündungshemmend und daher in Hydrogelen enthalten, die Wunden beim Heilen unterstützen. Die Hyaluronsäure der Nacktmulle ist fünfmal länger als die von Menschen oder Mäusen. Auch die Mulle scheinen die Hyaluronsäure vorwiegend zur Pflege ihrer empfindlichen Haut zu bilden. Die Krebsresistenz ist offenbar nur ein ziemlich netter Nebeneffekt.

Wissenschaftler von der Universität Liverpool wiesen ein paar Jahre später nach, dass die Mull-Zellen viel widerstandsfähiger gegen Beschädigungen ihres Erbguts sind. Beim Kopieren und Kopieren und Wiederkopieren der DNS treten früher oder später Fehler auf, Mutationen. Bis die Zellen irgendwann nicht mehr so fit sind wie ursprünglich. Die Nacktmulle kopieren offenbar besser.

Fit bis ins hohe Alter

Meerschweinchen, Hamster, Mäuse und Ratten werden nicht sonderlich alt, wie so ziemlich alle kleineren Säugetiere. Ihre Herzen schlagen so schnell wie ihre Lebensenergie verbraucht ist. Für manche Leute macht gerade die kurze Lebensdauer ein ideales Haustier aus. Dann muss man nicht so lange Käfige ausmisten. Solche Leute sollten sich besser keine Nacktmulle halten.

Im Verhältnis zu ihren verwandten Nagern werden Nacktmulle fürchterlich alt. 20, 30, mal knapp 40 Jahre. Und: Sie altern nicht wirklich. Die Tiere bleiben die ganze Zeit fit und beweglich, bis ins hohe Alter lässt sich kein Verfall von Hirn- oder Muskelmasse nachweisen. Von außen kann man ihr Alter kaum erkennen.

Studien zeigen, dass der Grund der Langlebigkeit in der Fähigkeit der Zellreparatur liegt. Zellen arbeiten, einfach gesagt, in zwei unterschiedlichen Modi: Reparieren und Wachsen. Werden die Zellen ständig mit Nährstoffen versorgt, ziehen die Zellen Teilung und Wachstum vor. Bleiben die Nährstoffe aus, nutzen die Zellen die Zeit zum Aufräumen. Diesen Modus kennen Heilfastende als Autophagie.

Damit ist die Reinigung und Regeneration von Zellen gemeint. Beschädigte Strukturen werden erkannt, zerlegt und abgebaut. Durch Fasten wollen wir uns diesen Modus zunutze machen: Wir versuchen dank aufgeräumter Zellen fit und belastbar zu bleiben und unerwünschtes Wachstum in welche Richtungen auch immer zu vermeiden. Nacktmulle scheinen gut aufzuräumen. Egal, ob sie nun fasten oder nicht.

Luft anhalten

Wo wir gerade beim Fasten sind. Radikale Asketen wissen, dass wir theoretisch ein paar Wochen ohne Nahrung auskommen könnten. Und ein paar Tage ohne Wasser. Aber wie lange halten wir wohl ohne Sauerstoff zum Atmen aus? Beim Luftanhalten können Nacktmulle locker mit der Elite der Apnoetaucher mithalten. Knapp zwanzig Minuten kommen sie ohne Sauerstoff aus.

Das ist auch ganz hilfreich. Denn Sauerstoff ist in den engen unterirdischen Gängen der Nacktmullkolonien Mangelware. Während für uns Menschen ein Sauerstoffgehalt von unter zehn Prozent in der Atemluft lebensgefährlich wird, kommen die Mulle stundenlang mit fünf Prozent Sauerstoff aus. Wenn die Tiere dicht an dicht zusammengekuschelt in ihren Nestern schlafen, bekommen sie zeitweise fast gar keine Luft. Doch sie ersticken nicht.

18 Minuten halten die Mulle sogar komplett ohne Sauerstoff aus. Dabei fallen die Tiere in eine Art Winterruhe. Ihr Puls senkt sich von 200 auf 50 Herzschläge pro Minute. Die Tiere greifen dann auf eine einzigartige Überlebensstrategie zurück: Sie versorgen ihre Organe unabhängig von Sauerstoff mit Energie. Dazu stellen sie ihren Stoffwechsel von Glukose auf Fruktose um.

Das Gehirn der Nacktmulle kommt dadurch offenbar dreimal länger ohne Sauerstoff aus als etwa das von Mäusen. Wurde unser Hirn im Notfall eine kurze Atempause einlegen können, würden wir uns nicht mit den Folgen beschäftigen müssen, die ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt innerhalb von Minuten anrichten kann.

Nun fragen Sie sich vielleicht, wie man das wohl herausgefunden hat. Na ja. Um es kurz zu machen: Für ihre Studie verlieh man dem Forschungsinstitut das sogenannte „Herz aus Stein“ – für das schlimmste Tierexperiment des Jahres.

Wir verstehen uns

Und dann sprechen Nacktmulle auch noch verschiedene Dialekte. Wie das eben so ist, wenn soziale Gruppen ohne jeden Austausch voneinander getrennt werden. Eigene Melodien und Phrasen schleichen sich ein und werden über die Jahre kultiviert.

In einer Nacktmullkolonie herrscht ein ständiger Geräuschpegel. Die Tiere fiepen, grunzen und zirpen fast ununterbrochen. Unter all diesen Lauten gibt es auch eine Grußformel: ein leises Zwitschern, mit dem sich die Tiere untereinander „Hallo“ sagen – und erkennen. Antwortet ein Mull auf die Begrüßung im angemessenen Sound, so wird das Tier freundlich willkommen geheißen. Spricht er jedoch einen anderen Dialekt, gibt’s Ärger.

Denn Nacktmulle sind fremdenfeindlich. Mulle, die nicht dieselbe Sprache sprechen, werden rabiat aus den Tunneln der Kolonie gejagt, bestenfalls. Für gewöhnlich töten Mulle Artgenossen aus anderen Kolonien, wenn die sich in einen anderen Bau gebuddelt haben.

Nun haben Wissenschaftler über 35.000 verschiedene Nacktmullgeräusche aufgenommen und mit einem Computerprogramm analysiert. Die Software konnte später jedem Mull einen individuellen Sound zuweisen. Darüber hinaus ließen sich Gemeinsamkeiten der Laute innerhalb einer Kolonie feststellen. Daraus schließen die Forschenden, dass wohl jede Nacktmullkolonie seinen eigenen Dialekt hat.

Texte und Bild: Philipp Brandstädter

Quellen:

Alterung

Schmerzempfinden

Sauerstoffmangel

Infos zum Nacktmull

Wahl der Königin