Schmusende Kater

Der wichtigste Sinn

erschienen im Focus, Mai 2018 (Ausgabe 22)

Manchmal beginnt das Abenteuer zeitiger als vorgesehen. Die Finger wie Streichhölzer, die Haut wie Pergament, von Schläuchen umgeben und verkabelt, liegt ein Frühchen in seinem Brutkasten. Künstlich ernährt, künstlich beatmet. Einer Flut von äußeren Reizen aus der Umwelt ausgesetzt, vor denen der winzige Mensch eigentlich noch viele Wochen im Mutterleib bewahrt würde. Vor den Lichtern, dem Surren und Ächzen der Geräte, vor der Schwerkraft.

An die 10.000 Frühchen kommen in Deutschland pro Jahr auf die Welt, teils schon nach der 24. Schwangerschaftswoche. Tendenz steigend. Sie können noch nicht sehen und kaum hören. Doch längst begreifen sie die Grenzen ihres eigenen Körpers, nehmen ihre Umgebung wahr. Mit ihrem Tastsinn. Der einzige Zugang, über den die Schwestern auf der Neonatalstation Kontakt mit den Kindern aufnehmen können. Und mehrmals pro Stunde deren Leben retten.

Frühstgeborene driften immer wieder in Apnoephasen ab. Atemaussetzer. Die Schwestern wissen, was sie dann zu tun haben: Sie berühren das Frühchen an der Fußsohle, die nicht größer ist als eine Euromünze, und üben einen sanften Druck aus. Durch diesen Reiz beginnt das Kind wieder zu atmen. „Dem Personal bleiben da nur ein paar Sekunden, um richtig zu reagieren“, sagt Martin Grunwald nüchtern und schaut über seine Brille hinweg auf eine winzige Manschette, die er sich um den kleinen Finger gewickelt hat. Sie ist immer noch zu groß.

Den Fuß eines Frühchens umschlossen und mit den Monitoren des Brutkastens verbunden, könnte so eine Manschette im Notfall die lebensbedrohliche Apnoephase überbrücken. Sobald die Geräte den Atemaussetzer registrieren, würde sich die Manschette aufpumpen, ähnlich wie beim Blutdruckmessen, und den notwendigen Reiz auf den Fuß des Kindes ausüben. Eine simple wie geniale Erfindung. Doch warum gibt es die nicht schon längst auf jeder Frühchenstation?

Keine Aufmerksamkeit auf die Haptik

„Weil die Wissenschaft ihr Geld in anderen Feldern versenkt“, erklärt Grunwald. In die Robotik und das Militär etwa. Auch in die visuelle und auditive Forschung. Nicht aber in die Erkundung unseres Tastsinnes. Dort steht Martin Grunwald mit seinem kleinen Kollegenkreis quasi allein auf weiter Flur. Noch. „Jahrzehntelang wurde das Tastsinnessystem ignoriert“, sagt der Wissenschaftler, als er inmitten des geordneten Chaos seines Labors in einem Drehstuhl sitzt und sich zwischen Bildschirmen und Papierstapeln eine Pfeife stopft. „In der Forschung ging es immer nur um unseren Geist, nicht um unseren Körper. Der war bloß dazu da, unser Gehirn von A nach B zu tragen.“ Vielleicht auch der Berührungsängste wegen. Was hat der Tastsinn schon mit knallharter Wissenschaft zu tun. Dabei könnten wir ohne unseren Tastsinn gar nicht leben.

Tatsächlich: Was wir so unbewusst und selbstverständlich hinnehmen, entscheidet über unsere Existenz. Zwar schätzen wir unseren Tastsinn dafür, dass wir morgens im Dunkeln den fiependen Wecker finden. Oder den Anfang des Klebestreifens auf der Rolle. Aber dass dieser Sinn nichts Geringeres ausmacht als die Grundlage unseres Bewusstseins? Wir können unser Augenlicht und unser Gehör verlieren und trotzdem weiter leben. Auf den Tastsinn verzichten kann jedoch kein Lebewesen, wie Grunwald in seinem neuen Buch „Homo Hapticus“ erklärt.

Denn alles, was lebt, besitzt Masse. Ein Lebewesen, das diese Masse nicht wahrnimmt, stirbt. Selbst Einzeller verfügen über ein Tastsinnessystem. Sie sind dadurch in der Lage, den eigenen Körper in seiner Gestalt als Einheit zu registrieren und ihn von der Außenwelt zu unterscheiden. Diese entscheidende Fähigkeit hat Martin Grunwald in seinem Kontaktgesetz beschrieben: Zellen müssen auf physische Veränderung reagieren können – unter Umständen durch Kontaktaufnahme mit benachbarten Zellen. Jedes Lebenssystem muss demnach imstande sein Berührung zu empfinden.

Die erste Sprache auf dem Prüfstand

Der Tastsinn ist darum der erste Sinn, den wir ausbilden. Die erste Sprache, die wir lernen. Bereits ab der siebten Woche reagiert ein menschlicher Embryo auf haptische Erfahrungen. In der weiteren Entwicklung wächst der Mensch mit den Berührungen. Sie senken den Blutdruck, beeinflussen die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol, stärken unser Immunsystem, lassen uns zu einem gesunden Individuum heranwachsen, prägen wesentlich unser Körpergefühl. Ist dieses gestört, wird es heikel.

In den ersten Jahren seiner Arbeit machte Grunwald eine merkwürdige Beobachtung. Nach seinem Studium Anfang der Neunziger hatte der junge Psychologe begonnen, den menschlichen Tastsinn zu erforschen. „Der Zusammenhang zwischen Hirn und Tastsinn begeisterte mich. Ich wollte messen und verstehen, nicht therapieren“, erzählt der 52-Jährige, seine Pfeife in der rechten Hand, einen Becher Kaffee in der linken, Klassikradio im Rücken.

Dazu ließ er eine Gruppe Probanden ein Relief befühlen. Auch sollten die Testpersonen mit verschlossenen Augen einen voreingestellten Metallarm ertasten und dessen Winkel nachstellen. Das Instrument hatte Grunwald selbst entworfen und gebaut – und es „Haptimeter“ getauft. Die Probanden meisterten die Aufgaben daran in etwa gleich gut. Mit einer Ausnahme.

„Ungewöhnlich viel Zeit habe sich eine junge Frau für ihren Test genommen“, erinnert sich Martin Grunwald. „Und versagte dabei total.“ Die Dame sei eine hochintelligente Studentin gewesen. Der Wissenschaftler konnte sich zunächst keinen Reim darauf machen, warum ausgerechnet diese Testperson alle Ergebnisse verriss. Bis er feststellte, dass die Frau dramatisch unterernährt war.

Magersucht und andere gestörte Körperschemen

Grunwald war per Zufall auf die verheerenden Auswirkungen eines gestörten Körperschemas gestoßen. „Das Körperschema ist die unterbewusste, neuronale Landkarte unserer Körperlichkeit“, erklärt er. Ist dieses fehlentwickelt und fehlgeprägt, durch mangelnde Berührung und Zuwendung in der Kindheit etwa, so passten Schema und tatsächliches Körperbild nicht mehr zusammen. Magersüchtige erlebten dann ihren dürren Körper als aufgedunsen, krankhaft Fettleibige fühlten sich nur unwesentlich stämmiger. Und befänden sich letztlich im Strudel einer lebensgefährlichen psychischen Krankheit.

Je weiter sich der Wissenschaftler an die Haptik – die Wissenschaft über den Tastsinn – herantastete, desto fester hatte ihn deren Faszination im Griff. Grunwald hätte für große Firmen arbeiten können. Oder eine psychologische Praxis eröffnen. Doch er entschied sich gegen diese Wege. Martin Grunwald hatte sich dem Tastsinn verschrieben. Die Universität Leipzig richtete ihm gegenüber ihrer Uniklinik einen Keller für seine Grundlagenforschung ein. Neben dem Touch Lab am MIT in Boston ist dies das einzige Haptiklabor weltweit. Miete muss er für die Laborräume nicht zahlen, aber sein monatliches Gehalt selbst erwirtschaften. Dafür gründete er das Haptik-Forschungszentrum, das im Auftrag der Industrie arbeitet.

Knöpfe und Schalter, raue und glatte Muster, Kunststoffe und Textilien. Meistens fühlt sich eine Probe in der Testreihe wesentlich angenehmer an als die anderen. Weiß der Teufel, wieso, aber der Unterschied ist spürbar. Im industriellen Haptik-Forschungszentrum untersucht und entwirft Grunwald reihenweise Materialien und Oberflächen, mit denen sich Hersteller von ihrer Konkurrenz unterscheiden wollen. Doch für haptische Grundlagenforschung fehlt in der Regel das Geld. „Leider gibt es nur sehr begrenzte Drittmittelressourcen und viele Wissenschaftler mit guten Ideen. Das ist auch ein Grund warum wir unsere Forschungsthemen öffentlich machen und immer wieder Spendenaufrufe starten.“

Forschen für die Industrie

Grunwald lehnt am Türrahmen, lässt seinen roten Fidget Spinner zwischen Daumen und Mittelfinger rotieren und hüllt sich in Schweigen. Über konkrete Industrieprodukte, an denen er gerade forscht, darf er nicht sprechen, die Verträge mit der Industrie sind geheim. Über den Daumen gepeilt könnte man sagen, dass der Forscher schon mit so ziemlich allen Waren in Berührung gekommen ist, die uns beim Einkaufen in die Hände fallen. Er berät die Firmen bei der Herstellung von Griffen und Bedienelementen aller Art, bei Computern und Handys, Haartrocknern, Werkzeugen und Küchengeräten, Bügeleisen, Rasierapparaten und Zahnbürsten, bei den Gefäßen von Kosmetika, Kappen und Deckeln, Verpackungen, und auch bei der Auswahl von Materialien für Socken und andere Kleidungsstücke, für alle möglichen Arten von Toilettenpapier und Taschentüchern, von mittelweich über weich bis hin zu exquisit weich.

Zunehmend interessieren sich Unternehmen, wie sie den betriebswirtschaftlich besten Tastsinneseindruck beim Kunden erreichen. Welche Materialien sie kombinieren müssen, welche Struktur die Oberflächen haben sollten, welches Gewicht, welchen Schwerpunkt. Sie haben längst begriffen, wie stark das haptische Empfinden die Konsumenten beeinflusst. Und dass sich ihre Bedürfnisse in anderen Kulturkreisen unterscheiden. „Deutsche Kunden bevorzugen eine matte Haptik, während Franzosen eher zu glatten bis glänzenden Kunststoffe neigen, weil sie damit Modernität verbinden“, hat Grunwald herausgefunden. „Europäer bewerten leicht klebrige Oberflächen durchweg als haptisch unangenehm, Japaner hingegen mögen sie.“ Und so weiter. International aufgestellte Firmen müssen die Unterschiede ihrer Kunden kennen, wenn sie weltweit Erfolg haben wollen. Grunwald erstellt für sie Gutachten, kombiniert Kunststoffe miteinander, findet Lösungen.

Ein lange vergessen geglaubter Signalton ertönt, Grunwald kramt sein Handy aus der Jeans, ein Modell aus grauer Vorzeit, das sich dank seiner Tasten auch blind bedienen lässt, natürlich. Von der allgegenwärtigen Präsenz der Smartphones und Tablets bekommt Martin Grunwald schlechte Laune. „Durch dieses primatenhafte Gewische auf Glasscheiben verlieren wir schleichend den Zugang zur Welt“, grummelt der hagere Mann. In diesem zweidimensional eingeschränkten Universum könnten wir unsere Sinne immer schwieriger schulen. Das Smartphone mit seinen unmittelbaren Signalen an das Belohnungssystem beschäftige und betäube uns, bremse dabei aber auch unsere kreativen Fähigkeiten. Praktisch für die Eltern, gefährlich für die Entwicklung des Kindes. Grunwald bereitet das Sorgen.

„Kinder könnten sich viel gesünder und umfassender entwickeln, wenn wir sie nicht bedenkenlos den digitalen Zeitverschwendern überlassen würden.“, sagt Grunwald, als wir zu seiner WG in Richtung Südvorstadt radeln. Die SMS auf seinem Telefon ließ ihn wissen: Eine Mitbewohnerin braucht Hilfe, an ihrem Drahtesel sei das Hinterrad aus dem Rahmen gesprungen. Ein Fall für Grunwald. Der repariert gern, insbesondere Fahrräder.

Analog ist besser

In Eckdaten erzählt Grunwald, wie vor acht Jahren seine Ehe scheiterte und er das Familienleben gegen das WG-Leben eintauschen musste. Eine harte Zäsur für den zweifachen Vater von erwachsenen Töchtern. Doch aus der Not habe er eine Tugend gemacht. Die WG liegt in Fahrradnähe zu seinem Labor und die wechselnden Mitbewohner spülten neue Weltanschauungen und Lebensperspektiven in den Alltag des Wissenschaftlers. Inzwischen könne er sich kaum mehr ein anderes Wohnleben vorstellen. Für Ratschläge und Diskussionen sei Grunwald immer da. In Sachen Popkultur gäbe es auch noch einiges nachzuholen. Aber aus den Studentenpartys und den damit verbundenen Eskapaden halte er sich schön raus. Man wisse ja, wo man ihn finde, wenn irgendwas ist.

Wir sitzen am Küchentisch, trinken Espresso und rauchen. Oben im Dachgeschoss, die wackelige Wendeltreppe hinauf, beziehen aller paar Semester neue Studenten die WG. Direkt daneben ist Grunwalds Reich, das andere neben dem Labor. Ein kleines Zimmer, analog von oben bis unten. Über dem Schreibtisch hängt ein Modellschiff, auf der Kommode will eine Plastik aus Ton fertig modelliert werden, daneben steht eine Nähmaschine. Hier und da liegen Specksteine herum, aus denen sich der Forscher ein paar handschmeichlerische Pfeifenhalter gefeilt hat. Grunwalds Rückzugsort ist ein Platz der kreativen Zerstreuung.

Dort schweift der Haptikexperte ab. Der Mann, der sich selbst einen „etwas sprilligen Wissenschaftler“ nennt, mag die Menschen, sagt er. Und er will ihnen mit seiner Forschung von Nutzen sein. Niemals würde er für das Militär arbeiten, wiederholt er mehrfach, das würde zwar alle Geldnöte lösen, doch sein Gewissen ließe ihn dann nicht mehr ruhig schlafen. Keinesfalls würde er die Haptikforschung im Stich lassen. Erst recht nicht jetzt, wenn die Bedeutung des Tastsinnes nach und nach endlich begriffen und geschätzt werde. Ein Paradigmenwechsel stehe bevor.

„Unser Verständnis zum Tastsinn verändert sich allmählich“, sagt Grunwald. In der Erziehung unserer Kinder zum Beispiel. „Eltern tragen ihre Kinder am Körper, anstatt sie nur in Wägen zu schieben. Sie lassen sie in ihren Betten schlafen, anstatt sie im isolierten Gitterbett schreien zu lassen.“ Auch die Medizin habe akzeptiert, dass Babys in die Arme der Eltern gehören. Auch bei Komplikationen, auch im Krankenhaus, allen Hygieneängsten zum Trotz.

Homo Hapticus – Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können

In seinem Buch erklärt Grunwald für Laien verständlich die Grundlagen, von denen unser Leben abhängt. Er weist auf die außergewöhnlich empfindsame Gabe hin, über die wir uns so selten im Klaren sind. Deutet, was die Haptikforschung in seinem Labor in Zukunft alles erreichen könnte. Sofern er Geldgeber findet, die seine Projekte finanzieren.

Trotz ständiger Finanzierungsmühen setzt Grunwald seine Forschungen mit seinem kleinen Team fort. Er und seine Mitstreiter wollen verstehen, wie das komplexeste Sinnessystem des Menschen funktioniert. Ergründen, warum wir uns zum Beispiel bis zu 800 Mal am Tag im Gesicht berühren, ohne uns darüber bewusst zu sein. Grunwald forscht dabei zum Teil mit Instrumenten der Marke Eigenbau. Zum Teil gibt es die erforderlichen Geräte nicht auf dem Markt oder es fehlt schlicht an Forschungsgeldern. „Wir können nicht alles in unserer Werkstatt selbst bauen. Spätestens bei den medizinischen Kleinstgeräten für das Frühchen-Projekt stoßen wir an unsere Grenzen.“

Doch der Forscher will nicht meckern. „Ich habe mir dieses wissenschaftliche Feld selbst ausgesucht“, stellt er klar. „Ich bin nur ein bisschen enttäuscht, dass in der Tastsinnesforschung alles so zäh voran geht. Doch in 200 Jahren wird die Haptik das Top-Thema in den Lebenswissenschaften sein.“ Den Menschen als Homo Hapticus, als Tastwesen grundlegend neu zu begreifen, das ist die Botschaft, die Martin Grunwald senden will. Er tastet sich langsam heran.

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