Warum die Abenteuer in der Ferne suchen? Das geht doch auch vor der Haustür. Man kann zum Beispiel eine Nacht in der freien Natur verbringen. Ich habe es ausprobiert. Und dabei überraschenden Besuch bekommen.

Als sei ich der einzige Mensch auf der Welt. Grillen zirpen. Ein Glühwürmchen tanzt an mir vorbei. Ein Waldkauz sitzt in den Bäumen und macht huuuh-huuuh. Sonst bin ich ganz allein, allein in der Wildnis – keine Menschenseele weit und breit.

Dann höre ich, wie ein Motorrad die Bundesstraße entlang röhrt. So allein bin ich wohl doch nicht. Und um ehrlich zu sein: Auch die Wildnis um mich herum ist nur halb so wild. Ich liege auf einem einsamen Zeltplatz in einer Hängematte. In einem Stückchen Wald am Rande der Stadt. Und gucke mir durch die Baumwipfel hindurch die Sterne an.

Viele Leute sind in den Sommerferien verreist. Um sich ein bisschen zu erholen und andere Gegenden zu besuchen. Aber man kann auch direkt vor der Haustür etwas erleben. Also habe ich beschlossen, eine Nacht in freier Natur zu verbringen. Das kann man zum Beispiel mit einem Zelt im Garten machen. Ich versuche es einfach mal mit einer Hängematte im Wald. Den kenne ich von vielen Sonntags-Spaziergängen ziemlich gut. Also habe ich meinen Rucksack mit Proviant und Schlafzeug zusammen gepackt und bin los gewandert.

Die Sonne geht unter

Bei Dämmerung sieht ein Wald allerdings anders aus als bei Tageslicht. Auf dem Weg zum Zeltplatz habe ich mich deshalb ein bisschen verlaufen und mein Nachtlager erst bei Sonnenuntergang erreicht. Dann habe ich ganz verträumt beobachtet, wie die Sonne am Horizont verschwindet. Wie die letzten Sonnenstrahlen des Tages in gold und orange durch die Waldlichtung scheinen. Im nächsten Augenblick war es duster. Und auf einmal auch irgendwie ein bisschen unheimlich.

Keine Zeit zum Gruseln! Im Licht des Mondscheins zurrte ich rasch meine Hängematte zwischen zwei Buchen fest und hängte ein Moskitonetz in die Zweige. Das ging noch ziemlich leicht. Viel schwieriger: Zähne putzen und Kontaktlinsen aus den Augen popeln. Ohne Licht, ohne Spiegel, ohne fließendes Wasser aus dem Wasserhahn. Ebenfalls nicht so einfach: Aus den Klamotten hinaus und in den Schlafsack hinein schlüpfen, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Man will ja kurz vorm Schlafengehen nicht barfuß in eine Brennnessel treten. Oder in eine glibberige Nacktschnecke.

Als ich im Schlafsack eingemummelt in meiner Hängematte schaukle, ist auch das Gruseln verflogen. Über mir rauscht der Wind durch die Baumwipfel. Der Waldkauz ruft. Alles wirkt so friedlich hier draußen. Bis mir durch das Moskitonetz hindurch die ersten Regentropfen ins Gesicht nieseln. Ich mache mir Sorgen. Ob das so eine gute Idee war, ohne Zelt loszumarschieren? Ob der Regen stärker wird? Säuft dann mein Nachtlager ab? Muss ich mein Abenteuer abbrechen und mitten in der Nacht zurück nach Hause laufen?

Wer weckt mich da?

Ein Knistern und ein Rascheln weckt mich. Ich muss beim Grübeln eingeschlafen sein. Meine Nasenspitze ist ganz kalt. Mein Rücken auch ein wenig. Längere Zeit in einer Hängematte zu schlummern, ist doch nicht so bequem wie auf einer Matratze. Um mich herum wird es langsam wieder hell. Vögel zwitschern. Und keine Regenwolke am Himmel zu sehen. Aber was war das denn nun für ein Geräusch?

Ich schaue mich um. Im dem Moment verschwindet ein dicker, pelziger Hintern im Dickicht. Davor liegen überall Fetzen meiner zerrissenen Papiertüte auf dem Waldboden. Und auf der Sitzbank ein letzter Bissen von meinem Käsebrot, das in der Tüte war. Ein Waschbär hat sich über meinen Proviant hergemacht! Den habe ich wohl nachts vergessen wegzupacken.

Das Frühstück im Wald kann ich abhaken. Ich hätte besser aufpassen müssen. Also räume ich mein Nachtlager auf und packe meine Sachen in den Rucksack. Dann schlurfe ich verschlafen zur Waldlichtung zurück in die Stadt. Ich freue mich auf ein warmes Brötchen vom Bäcker. Auf einen frisch gepressten Saft. Und ganz besonders auf mein gemütliches, warmes Bett!

Text und Bild: Philipp Brandstädter,
zunächst erschienen über dpa Nachrichten für Kinder, September 2014

Quellen:

Tipps zum Übernachten im Freien

Bundesnaturschutzgesetz