Trinidad Espinoza Medina

Hort der Hundertjährigen

erschienen in der GEO Special 06/2018

Warum die Männer immer noch hinter ihr her sind, kann sie auch nicht so recht begreifen. Da ist dieser eine Kerl, Cristobal, er wohnt nur ein paar Türen weiter. Er macht ihr Komplimente, sagt ihr, sie verzaubere ihn, weil sie immer so fröhlich sei. Ana Reyneri Fonseca Gutiérrez rollt mit den Augen und winkt ab. Zehn, zwölf Jahre baggert er sie schon an. Sozusagen seitdem sie ihren Mann unter die Erde gebracht hat. Ana lässt das kalt. Sie schert sich nicht mehr um die Männer. Für alles gibt es seine Zeit, findet sie.

Ana trägt ein schlichtes, dunkelblaues Kleid, an das sie eine glitzernde Brosche gesteckt hat. Sie schmückt sich mit Ohrringen und Ketten und Ringen. Ihre silberne Armbanduhr hängt lose an ihrem dürren Handgelenk. Ihre Haut wirkt wie Pergament. Auf ihrer Veranda wippt Ana in ihrem Schaukelstuhl, hinter ihr zieren quietschbunte Madonnenmalereien und Jesusbilder die Wände. Im Radio singt Julio Jaramillo, Lateinamerikas Schlagerstar schlechthin. Bei dem würde Ana noch eine Ausnahme machen Mit dem würde sie tanzen gehen, sagt sie und kichert. Aber der Gute sei ja nun auch schon seit 40 Jahren tot.

Cristobal Muñoz Villalobos steht in der prallen Mittagshitze im Garten. Er hängt ein paar frisch gewaschene Tücher zum Trocknen auf, zupft seinen Fischerhut zurecht und stützt sich auf seinen Gehstock. Eigentlich habe er es längst aufgegeben mit den Frauen, sagt er. Irgendwann seien sie merkwürdig geworden. Sie hätten plötzlich ihren eigenen Willen gehabt, freizügigere Kleider getragen, Widerworte gegeben. Das muss so um 1940 begonnen haben, erinnert sich Cristobal. Aber Ana sei anders, sie habe noch Klasse.

Die Dame ist 103 Jahre alt. Der Herr dagegen noch ein junger Hüpfer, gerade erst 100 geworden. Aber dort, wo Ana und Cristobal aufgewachsen sind und noch immer wohnen, ist ihr Alter gar nicht so ungewöhnlich.

Eine von fünf Blue Zones

Die Halbinsel Nicoya liegt auf der Pazifikseite Costa Ricas. Dort hält die Trockenzeit unter wolkenlosem Himmel noch lange an, wenn es im Hochland schon überall in Strömen regnet und die Karibikküste überschwemmt ist. Nicoya ist eine der fünf so genannten „Blue Zones“ auf der Erde. Neben dem Bergbezirk Ogliastra auf Sardinien, der griechischen Insel Ikaria, dem kalifornischen Loma Linda und der japanischen Präfektur Okinawa erreichen auf Nicoya überdurchschnittlich viele Menschen das 100. Lebensjahr.

Statistiker haben diese Regionen vor etwa 15 Jahren aus ihren Bevölkerungszahlen herausgelesen. Und diese mit einem blauen Marker eingekreist. In diesen blauen Zonen also ist die Sterblichkeitsrate im mittleren Alter wesentlich niedriger als anderswo. Deshalb untersuchen dort Wissenschaftler, was Philosophen und Mediziner seit Methusalem beschäftigt: das Geheimnis des ewigen oder wenigstens des wesentlich längeren Lebens.

Länger leben heißt gesund leben. Gesund leben heißt hierzulande und heutzutage: regelmäßig Sport treiben, nicht rauchen, Alkohol in Maßen, reichlich Obst und Gemüse. Die einen schwören zusätzlich auf Yoga und Grüntee, die anderen saunieren oder schlucken Vitaminbomben in Pillenform. Doch was unseren Körper tatsächlich vor Krankheit und Verfall bewahrt, bleibt Spekulation.

Jorge Vindas López, Demograf aus Santa Cruz und selbst erst ein halbes Jahrhundert alt, will der Langlebigkeit auf den Grund gehen. Vor 15 Jahren hat er in den Aufzeichnungen der Gemeinden Nicoyas entdeckt, dass Menschen auf der Halbinsel überdurchschnittlich alt werden. „Einer von 3800 Nicoyanern erreicht das 100. Lebensjahr“, erzählt er in einem Straßencafé im Zentrum der Stadt Nicoya und schiebt sich eine Brille mit ulkigem roten Gestell auf die Nase. „Das sind dreimal so viele wie im weltweiten Durchschnitt.“ Menschen, die 100 Jahre und älter werden, heißen in Costa Rica Centenarios. Die meisten von ihnen leben auf der Halbinsel, um die 150 derzeit.

Aller paar Wochen fährt Vindas von Dorf zu Dorf, von Belén im Norden und Tambor im Süden, um die Alten zu besuchen. Er befragt sie nach ihrer Gesundheit und ihrem Alltag und spricht sich mit ihren Ärzten ab. So sammelt er für das zentralamerikanische Zentrum für Bevölkerung in der Hauptstadt San José wichtige Daten über das Leben der Centenarios. Ärzte nehmen dabei regelmäßig Blutproben, messen Cholesterin und Blutdruck, testen Fitness von Kopf und Körper.

„Die Menschen sind körperlich aktiv und schlank“ – Jorge Vindas, Demograf

Das Ergebnis bis dato: „Die Menschen hier sind körperlich aktiv, relativ schlank und leiden selten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, fasst Jorge Vindas zusammen. Traditionell kommen in der Gegend vor allem Reis, Bohnen, Tortillas und Schweinefleisch auf den Tisch. Herunter gespült werde alles mit reichlich Kaffee. Keine Grünkohlsmoothies weit und breit. „Das klingt nicht nach außergewöhnlich gesunder Küche, ist aber immer regional, organisch und frei von Zusatzstoffen.“

Sechs Faktoren hat der 54-Jährige heraus kristallisiert, die zur Langlebigkeit in der Blauen Zone führen sollen. Neben der Ernährung und der körperlichen Betätigung gehören für Vindas dazu: Religiosität, soziale Wertschätzung, Lebenszweck und Gleichmut. „Die Centenarios sind gläubig, werden auch im hohen Alter respektiert, haben immer noch Aufgaben und Ziele.“ Und dann wäre da natürlich noch das berühmte Lebensmotto Costa Ricas, das das Land werbewirksam in die Welt hinaus trägt.

Pura Vida.

Das „pure Leben“ bedeutet Leichtigkeit, Friedfertigkeit, Naturverbundenheit, glückliches Miteinander. Die Floskel hat sich aber auch darüber hinaus in den Alltag eingeschlichen. Von „Hallo“ über „Wie geht’s?“ bis zu „Ja“, „Okay“ und „Auf Wiedersehen“ ist pura vida allgegenwärtig. Eine sympathische und offenbar sehr gesunde Lebensphilosophie, zelebriert im derzeit angeblich glücklichsten Land der Welt, wie Zufriedenheitsstudien aller paar Jahre herausfinden wollen.

Ein paar Kilometer von Nicoya entfernt liegt Pochote: Fincas von ein paar Dutzend Farmern, die im Schutz der fast schon unwirklich grün leuchtenden Berge liegen. Ein paradiesischer Ort, an dem es sich gemütlich steinalt werden lässt. Trinidad Espinoza Medina wohnt hier seit nunmehr 101 Jahren in einer verwinkelten Hütte aus Holz und Stein. Nie habe sie diesen Ort verlassen. Nur der Mangobaum auf der anderen Straßenseite sei älter als sie. Auf dem sei sie schon als Kind herum geklettert.

Die Frau mit dem langen, weißen Haar thront auf einem massiven Stuhl aus Teakholz. Auf den Knien balanciert sie ihr Telefon, um sie herum flitzen Hühner, über ihr im Baum lärmen die Brüllaffen. Sie habe immer Besuch, erzählt Trinidad. Dank ihrer zwölf Kinder, der paar Dutzend Enkel, noch mehr Urenkel, unüberschaubar vieler Ur-ur- und seit neuestem auch noch Ur-ur-ur-Enkel sei immer jemand da. So kann auch stets jemand im Haushalt helfen. Auch, wenn Trinidad noch immer selbst den Boden fegt und Tortillas nach ihrem Rezept knetet.

Nunca fiesta, no bicicleta

Und Trinidad ist als Dorfälteste auch sonst gefragt. Ihr Rat ist geschätzt, besonders, wenn es um die wesentlichen Dinge im Leben geht. Und natürlich will auch dauernd jemand von ihr wissen, wie man eigentlich so steinalt wird. Dann pflegt Trinidad zu antworten: Meide große Menschenansammlungen, feiere keine ausschweifenden Partys – und steige nie aufs Fahrrad. Alles viel zu gefährlich.

Ein paar Häuser noch jemand, den der liebe Gott vergessen zu haben scheint: Bonifacio Villegas. Schwungvoll steigt er von seinem Pferd, knotet die Zügel an einen Ast und schlendert zu der Hütte gegenüber seiner malerischen Finca. In dieser Hütte sei er auf die Welt gekommen, erzählt Bonifacio und stupst sich den Cowboyhut aus dem noch immer jungenhaften Gesicht. Warum er noch hier ist, weiß er nicht. Er will auch besser nicht so viel darüber nachdenken.

Bonifacio sagt, er fühle sich topfit. Er reite jeden Tag aus, füttere die Tiere, halte das Haus in Schuss. Er brauche keine Medikamente, kein Hörgerät – und keine Brille, wenn er die Nachrichten auf seinem Handy checkt. Das Rauchen hat er mittlerweile aufgegeben, aber ab und an trinke er noch ganz gern mal einen. Erst vor kurzem hat ihm der Forscher Jorge Vindas eine gute Flasche Red Label mitgebracht. Ein Geschenk zum 100. Geburtstag.

Worin also liegt das Geheimnis des langen und noch längeren Lebens? „Neben der recht ähnlichen Ernährung gibt es ein paar Gemeinsamkeiten unter den Centenarios“, sagt Vindas. Alle hätten sie ihr ganzes Leben lang schwere körperliche Arbeit geleistet. Niemand habe Armut fürchten müssen. Auch habe keiner Reichtum angehäuft und sei dann an seinem Besitz verbittert. „Die Centenarios haben Körper und Geist offenbar immer auf angenehmer Betriebstemperatur gehalten“, vermutet der Demograf.

Jorge Vindas will seine Erkenntnisse in die Schulen Costa Ricas tragen, um bei den Kindern für gesundes Leben zu werben. Denn die Jüngeren würden nach und nach die traditionellen Kochrezepte vergessen, sagt Vindas. Gerade hat ein neues Fast-Food-Restaurant in Nicoya eröffnet – spezialisiert auf frittierte Hühnerflügel und süße Softdrinks. Vor allem die Kids seien süchtig nach dem Zeug.

Arm, aber genügsam

Leute, die sitzen bleiben, sterben, sagt Bonifacio kurz und knapp. Also reitet er weiterhin jeden Tag mit seinem Pferd aus. Das, nebenbei bemerkt, auch schon weit über 30 Jahre alt ist. Das Trinkwasser von Nicoya, mit dem manchmal auch das Vieh getränkt wird, hat das Institut bereits analysiert. Ja, es ist reich an Calcium und Magnesium, gut für die Knochen. Ansonsten ist es sehr gewöhnlich. Den Jungbrunnen hat man darin nicht gefunden.

Er sei arm, aber genügsam, sagt Bonifacio. Er sei manchmal traurig, aber stets zufrieden. Was ihn am Ende umbringen werde, seien die Frauen. Die brächen ihm noch Herz. Wenn der Centenario kichert und gluckst, wirkt er noch einmal ein paar Dekaden jünger. Vor allem die jüngeren Damen hätten es ihm angetan, sagt er. Frauen zwischen 50 und 60 etwa. So wie seine Hausärztin, die ihn regelmäßig besucht. Sie zur Begrüßung zu umarmen reiche schon aus, um sein Herz weiter schlagen zu lassen.

Auch die Forscher hoffen darauf, dass Bonifacio noch ein Weilchen fit und guter Dinge bleibt. Um von ihm und den anderen Centenarios zu lernen. Hierzu haben sich gerade die Demografen aller fünf Blue Zones in Nicoya getroffen. Ihr Ziel: Gemeinsam ein internationales Netzwerk schaffen, das von den Regierungen geschätzt und gefördert wird. „Zunächst werden wir nach mehr Gemeinsamkeiten in den blauen Zonen suchen“, erklärt Jorge Vindas. Standardisierte Fragebögen, identische Messmethoden, Grundlagenforschung. „Vielleicht entdecken wir in der Umwelt der Hundertjährigen noch eine entscheidende Schnittmenge.“

Doch Vindas und seine Kollegen interessieren sich nicht nur für nackte, wissenschaftliche Daten. „Wir wollen auch die Traditionen der alten Leute wahren – und so von ihrem Lebensstil zu lernen“, erklärt der Forscher. „Es ist entscheidend, unsere Blaue Zonen zu erhalten, sie zu beschützen und zu fördern, was gut für uns ist.“ Vindas Plan ist klar. Er will die Lebensbedingungen auf der ganzen Welt verbessern. Nicht weniger.

Quellen:

Blue Zones

Studie zur Demografie in Nicoya

Happiness Index

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