Matthias Maurer: „Im All ist man ein wenig dümmer“

erschienen in der taz am Wochenende am 1. Juni 2024

Ein halbes Jahr lebte Matthias Maurer auf der Internationalen Raumstation. Dort hat er einiges gelernt – auch über die Menschen auf der Erde.

Wir sitzen in der Trainingshalle des Europäischen Astronautenzentrums der European Space Agency (ESA), nahe dem Flughafen Köln-Bonn, genauer gesagt: in einem Nachbau des Columbus-Moduls. Als Modul werden einzelne Räume in einer Raumstation bezeichnet. Das echte Columbus-Modul ist Teil der Internationalen Raumstation ISS, darin wird geforscht und zu Schwerelosigkeit experimentiert. Es war der größte Beitrag der ESA zur ISS. In dem Modul hat Matthias Maurer ein halbes Jahr im All gewohnt, von November 2021 bis Mai 2022. Da im Nachbau in Köln keine Schwere­losigkeit herrscht, konnten wir es uns auf zwei Stühlen bequem machen.

wochentaz: Matthias Maurer, wenn Sie auf der Internationalen Raum­station die Außenbordluke öffnen, trudeln Sie ins Weltall hinaus. Wie verrückt muss man sein, um Astronaut zu werden?

Matthias Maurer: Mit etwas Abstand betrachtet, war das schon eine riesige Nummer. Vor allem der Außenbord-Einsatz. Die Tür aufzumachen und da rauszukrabbeln, das ist immer ultragefährlich. Du schaust nach unten, und zwischen dir und der Erde ist 400 Kilometer nichts. Nicht einmal Luft. Du fühlst dich wie im freien Fall, dir rutscht das Herz in die Hose. Dann hakst du dich mit einem Sicherungsseil ein und kletterst los – so habe ich es gemacht – oder du klinkst dich in eine Art Skibindung auf dem robotischen Arm ein, der dich zu deinem kosmischen Arbeitsplatz manövriert. Währenddessen schießt du mit 28.000 Kilometern die Stunde durch den Weltraum. Und trotzdem steigst du da raus und denkst dir: Na ja, das Ersatzteil da muss halt ausgetauscht werden, also mache ich das jetzt. Das ist schon Wahnsinn.

Zu wissen, dass man die Erde verlässt und es zunächst kein Zurück gibt – wie hat sich das angefühlt? Ist das pure Panik oder eher ein Kribbeln wie vor ­einer Achterbahnfahrt?

Weder noch. Achterbahnen sind dagegen nicht so mein Ding. Diese Maschinen sind ja zum Erschrecken gemacht. Man wird absichtlich wild nach links und rechts geschleudert. In einer Rakete rüttelt und wackelt da nicht viel. Ich hatte volles Vertrauen in die Technik und das Team dahinter. Ja, die Rakete presst dich hart in den Sitz, wenn der Treibstoff gezündet wird, viel krasser als in jedem Flugzeug. Du wirst in eine Richtung beschleunigt, achteinhalb Minuten lang, dann hast du es geschafft. Außerdem ist der Flug recht leise, das war mir vorher gar nicht so bewusst. Nach 80 Sekunden Lärm durchbricht man schon die Schallmauer und hört ab dann nur noch ein Summen im Hintergrund. Zum Schluss ist man 25-mal schneller als der Schall.

Sie sind der zwölfte Deutsche, der im All war, der 600. Mensch überhaupt. Um so weit zu kommen, mussten Sie sich zunächst gegen 8.500 BewerberInnen durchsetzen. Haben Sie zwischendurch gezweifelt, der Richtige für den Job zu sein?

Das ging schon los bei der allerersten Testrunde. Ich saß in einer Pause am Tisch mit drei, vier Typen, die alle Piloten waren. Da konnte ich mit meinem Segelflugschein nicht mithalten. Ich erinnere mich auch an einen Test, bei dem man Zahlenkolonnen vorgelesen bekommen hat, mal 10, mal 25 Stellen. Danach musste man alle gemerkten Zahlen rückwärts in ein Feld eintragen. Keine Chance! Das stresst einen total, wenn man ein schlauer Astronaut sein soll, aber sich kaum eine Zahl merken kann. Aber genau darum ging es den Prüfern: Sie wollten wissen, wie wir den Misserfolg verarbeiten und dann an die nächste Aufgabe herangehen.

Alle Aufgaben zu bestehen und dann ausgewählt zu werden, ist recht ­unwahrscheinlich. Hatten Sie einen Plan B, was Sie machen würden, wenn es nicht klappt?

Ganz ehrlich, hatte ich nicht. Als Kind habe ich Ulf Merbold gesehen, wie er mit dem Space Shuttle dort hochfliegt, und ich dachte: Astronauten, das sind alles Superhelden. Das müssen tolle Typen sein. Ich bin das nicht. Doch als ich mich dazu entschloss, mich zu bewerben, hatte ich mich bereits intensiv informiert und wusste, dass ich eine Chance habe. Ich dachte mir, entweder gebe ich alles oder ich probiere es gar nicht erst. Wenn du etwas willst, dann sollst du das auch träumen dürfen. Eigentlich sollte es jedem schon als Kind klar sein: Wenn du etwas träumen kannst, dann kann es auch erreicht werden. Eine Garantie auf den Erfolg bekommt man aber nie.

Was genau zeichnet diese tollen Typen denn aus, nach denen die Europäische Weltraumorganisation ESA sucht, um sie dann als Astronauten einzustellen?

Astronauten sind nicht mehr die tollkühnen Testpiloten, die in schwierigsten Situationen ein Raumschiff steuern müssen. Heutzutage fliegt man in automatisierten Raketen und Kapseln zur Raumstation, und oben ist man dann für ein halbes Jahr Wissenschaftler im All. Ich bin Werkstoffwissenschaftler, also eine Mischung aus Ingenieur und Wissenschaftler. Ich habe ein breites Interesse von Medizin über Physik und Chemie. Herumexperimentieren hat mir immer viel Spaß gemacht. Das muss man auch wirklich mögen, ansonsten wäre man auf der ISS tod­unglücklich. Ich meine, was will ich sonst dort oben im All, sechs Monate gefangen in einer Dose?

Und trotzdem wurden Sie zunächst abgelehnt.

Ich hatte alle Tests bestanden. Am Ende blieben zehn Kandidaten übrig, die alle die gleiche Beurteilung hatten: sehr empfehlenswert. Als ich dann nach einem Jahr Auswahlprozess nicht genommen wurde … das war, als wäre ich bei einem Marathon kurz vor der Ziellinie gestolpert. Da bin ich in ein Loch gefallen. Doch ich hatte Glück. Das ISS-Programm wurde verlängert und ich bin fünf Jahre später nachgerückt.

Die ESA hat Sie monatelang auf Ihre Weltraummission vorbereitet. Training in einer Höhle, unter Wasser, in Eiseskälte, auf dem Meer. Was hat das gebracht?

Man kann auf der Erde nicht eins zu eins abbilden, wie es im All ist. Man kann hier nicht schwerelos sein, von den 22 Sekunden beim Parabelflug mal abgesehen, also einem Flug­manöver, bei dem ein Flugzeug mehrfach zwischen Steigflug und Sturzflug abwechselt und so Schwerelosigkeit erzeugt. An so eine Mission im All wirst du also Schritt für Schritt herangeführt. Jeder neue Schritt ist dabei minimal größer als der letzte. Ziel des Trainings ist es, die Astronauten ständig an ihre mentalen Grenzen zu bringen. Dabei habe ich gemerkt, wie sich meine eigenen Grenzen verschieben. Ich habe mir die nötige Erfahrung und den nötigen Mut Stück für Stück erarbeitet. Als ich auf der ISS angekommen war, dachte ich: Was ich jetzt erlebe, ist einzigartig, aber ich kann mich auf viele Trainingserfahrungen stützen, sodass ich guten Gewissens leisten kann, was man von mir erwartet.

Worauf konnten Sie sich nicht vorbereiten?

Die Flüssigkeitsumlagerung im Körper durch die Schwerelosigkeit war das Unangenehmste in den sechs Monaten auf der ISS. Blut, Wasser und Lymphe verlagern sich von den unteren Extremitäten in den Oberkörper und den Kopf. Dadurch haben die ISS-Bewohner schlanke Beinchen und ein aufgequollenes Gesicht. Das sieht nicht nur merkwürdig aus, sondern ist für den Körper eine enorme Belastung. Du hast dann dauerhaft einen Brummschädel und dein Gehirn arbeitet langsamer. Man ist im All also ein Stückchen dümmer. Dazu kommt die Dreidimensionalität des Raums. Natürlich wusste ich, dass mir jedes Werkzeug davonschwebt, wenn ich es nicht festmache. Aber mir war nicht klar, dass ich einen Schraubenschlüssel direkt vor mir nicht mehr erkenne, wenn sich unbemerkt sein Winkel zu meiner Blickachse verändert. Das Gehirn nimmt das Werkzeug dann nicht mehr wahr, weil es das Abbild davon anders abgespeichert hat. Ich habe anfangs viel Zeit damit vergeudet, Sachen zu suchen, die sich direkt vor meiner Nase befanden.

Wie wenn man in einem Kühlschrank etwas sucht, das jemand in ein anderes Fach gestellt hat?

Ja, die ISS ist letztlich wie ein riesiger Kühlschrank.

Wie muss man sich den Alltag da oben vorstellen?

Morgens um 7.30 Uhr fängt der Arbeitstag an. Die meiste Zeit ist man grundsätzlich mit seinen Experimenten beschäftigt oder damit, die Systeme zu warten und die Raumstation sauber zu halten. Um 19.30 Uhr ist dann Feierabend. In der Freizeit machen manche Sport. Einige sind morgens früher aufgestanden, um zu trainieren und sich dann auf den Tag einzustellen. Ich habe mich lieber abends vorbereitet und dafür morgens ein bisschen länger gepennt. Hier, im Columbus-Modul, war mein Quartier. Da drüben habe ich mein Bett gehabt.

Wie schläft man im Weltraum am besten?

Ich habe schnell herausgefunden, dass es angenehmer ist, frei schwebend zu pennen. Im Handbuch der Nasa steht, dass der Schlafsack an mehreren Punkten an einer Wand befestigt werden soll. Ich habe ihn immer nur an einer einzigen, in Hüfthöhe angebrachten Öse festgehakt. So konnte ich frei schwebend schlafen. Man muss aber aufpassen, nicht zu tief in den Schlafsack zu rutschen. Sonst bekommt man zu wenig Sauerstoff.

Wie wäscht sich ein Astronaut?

Eine Dusche gibt es nicht. Man muss Wasser sparen, also hat jeder offi­ziell nur 150 Milliliter pro Tag für Körperhygiene zur Verfügung. Das ist aber kein Problem, wenn man das ein wenig geübt hat. Man wird auch nicht so schmutzig wie auf der Erde. Du gehst ja nicht raus und tobst im Schlamm. Der einzige Schmutz ist der eigene Schweiß. Die Haare verfetten ein bisschen stärker als unten. Ich denke, das hat mit der Flüssigkeitsumlagerung zu tun.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie in Ihrer Freizeit gern aus der Raumstation hinausgeschaut und fotografiert haben. Wie ist der Blick auf die Sterne von dort oben, in das Universum?

Ich hatte gehofft, dass ich die Sterne und den Mond intensiver erleben würde. Diese Erwartung hat sich gar nicht erfüllt. Der Mond ist 400.000 Kilometer entfernt. Da machen die 400 Kilometer, die ich ihm näher war, überhaupt keinen Unterschied. Aus der Cupola, dem Beobachtungsturm, guckt man außerdem ausschließlich auf die Erde hinunter. Im russischen Segment gibt es noch ein Minifenster in einer Luke. Die ist meistens mit Taschen zugestellt. Durch dieses Fenster kann man ins Universum schauen. Aber die Erde strahlt so hell, dass man meist nur wenig Sterne sieht.

Für eine bessere Aussicht müsste man also noch weiter hinaus. Wären Sie für eine Reise zum Mond oder zum Mars zu haben?

Auf den Mond hätte ich natürlich Lust. Ich schätze es auch als realistische Chance ein, mal dorthin zu fliegen. Zum Mars würde ich nur fliegen, wenn der Flug deutlich schneller ginge und die Astronauten besser vor der kosmischen Strahlung geschützt wären. Denn das sind zwei wesentliche Probleme. In der langen Reisezeit zum Mars drückt einerseits die Flüssigkeit im Kopf, die ohne Schwerkraft nicht abfließt, auf die Augen. Das führt zu Ödemen, und im schlechtesten Fall kommt man blind auf dem Mars an. Darüber hinaus wäre man bei 500 Tagen Reisezeit so viel Strahlung ausgesetzt, dass das Krebsrisiko auf rund 15 Prozent steigt. Mir persönlich wäre es das nicht wert. Ich denke deshalb nicht, dass wir vor Ende der 2040er Jahre Richtung Mars aufbrechen.

Warum auch in die Ferne schweifen. Widmen wir uns der Erde. Konnten Sie aus der Cupola beobachten, wie der Mensch den Planeten verändert hat?

Ja, das sieht man sehr gut. Das Allererste, was ich von Deutschland gesehen habe, war der Braunkohletagebau in NRW. Ich schaute hinunter und dachte: Boah, was ist denn das für ein Riss in dem grünen, schönen Land? Garzweiler ist eine richtig fette Narbe. Solche Narben habe ich auch im Osten Deutschlands entdeckt. Ähnlich auf der anderen Seite der Erde: Brasilien erscheint in verschiedenen Grüntönen. Hellgrün ist der Ackerbau, dunkelgrün der Urwald. Dazwischen ragen riesige schwarze Rauchsäulen in den Himmel. Überall, wo die Erde sozusagen ausgeschlachtet wird, wo Mineralien entnommen werden, kann man die Wunden sehen. Die Erde wird ausgebeutet, damit unsere Wirtschaft und unser alltägliches Leben funktionieren.

Was lässt sich noch erkennen?

Nach Sonnenuntergang kann man die Städte gut ausmachen, sobald sie leuchten. In den USA sind sie quadratisch, praktisch, gut angelegt, sie haben eher ein weißeres Licht. Über Europa erkennt man die Stadtkerne, auch die Lichtfarbe ist anders. Die Metropolen sind total hell, Paris, London, Madrid. Benelux ist ein einziger Teppich aus Licht. Deutschland ist eher regelmäßig beleuchtet. Hinter Moskau kommt lange, lange nichts. Russland ist komplett dunkel. Erst Seoul ist wieder sehr hell. Südkorea sieht nachts übrigens aus wie eine Insel. Denn Nordkorea gleicht einem tiefschwarzen Ozean. Als würde in Pjöngjang kein einziges Licht brennen.

Während Ihres Aufenthalts wurde es auch in Europa schlagartig dunkel. Sie waren auf der ISS, als der Krieg in der Ukraine begann.

Plötzlich war da so ein schwarzer Fleck zu sehen, wie ein Krebsgeschwür. Ich dachte: Da ist ein Land weg. Es war so zu spüren, dass da unten auf der Erde etwas schiefgelaufen war, ich kann es gar nicht richtig in Worte fassen. Ich dachte, ich bin im Weltall weit weg von irdischen Problemen. Und plötzlich sehe ich den Krieg mit eigenen ­Augen. Ich dachte, die Menschen werden doch nicht so doof sein und ernsthaft schon wieder einen Krieg beginnen.

Wie hat sich der Krieg auf die Zusammenarbeit mit den russischen Kosmonauten ausgewirkt?

Darauf waren wir nicht vorbereitet, das war nicht Teil des Trainings. Wir waren die ganze Zeit ein Superteam gewesen, bis zu dem Zeitpunkt. Deshalb war für mich klar: Das Thema muss angesprochen werden. Das ist zu groß, zu wuchtig. Und könnte zu einem Problem für unsere Sicherheit werden, wenn das Vertrauen in unser Team beschädigt würde. Ich habe noch am selben Abend mit unserem ISS-Kommandanten geredet. Sein Vater lebt auf der Krim. Er sagte sofort, dass Krieg für kein Problem auf der Welt eine Lösung sein kann. Es war aber auch klar, dass die Kosmonauten aus Russland andere Informationen erhielten als ich aus den westlichen Medien. Unsere gute Zusammenarbeit hat das aber zum Glück nicht beeinträchtigt.

Der Raubbau am Planeten, der Klimawandel, die ganzen Kriege. Glauben Sie, wir kriegen noch einmal die Kurve auf dieser blauen Kugel?

Ich bin als Wissenschaftler zur ISS ­gestartet. Die Wissenschaft ist es, die uns die schlüssigen Erklärungen bietet. Ich war noch nie spirituell und ich bin es auch nicht geworden. Wenn du dort oben bist, erfährst du natürlich schon ein ganz starkes Gefühl der Demut. Die Erde ist einfach so unglaublich einzigartig und jeder Mensch nur so ein ­klitzekleines Detail im gesamten System. Nun kommt es auf uns alle an. Wenn wir die Herausforderung unseres Planeten meistern wollen, dann geht das nur, indem wir an einem Strang ­ziehen. Von der ISS aus sieht die Erde wie ein riesiges Raumschiff aus. Ein Raumschiff funktioniert nur dann, wenn die Besatzung einander vertraut und sich gegenseitig unterstützt. Dafür muss sich jeder ein wenig zurücknehmen. Aber auf der Erde sind wir dafür noch ein bisschen zu egoistisch unterwegs.

Interview: Philipp Brandstädter

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