Seifenblasen

Schluss mit dem Spazieren

erschienen bei monopol am 18. Februar 2021

Spaziergänge sind eigentlich nur etwas für Notfälle, doch die Corona-Pandemie zwingt uns zum unendlichen Flanieren. Verzweifelt reden wir uns ein, dass es draußen noch etwas zu erleben gibt. Unser Autor meint: Das muss aufhören

Raus vor die Tür? Spazieren? Nur im äußersten Notfall. Allerhöchstens sonn- oder feiertags, wenn zu viel Familie und Freundeskreis mit zu viel Kind herumkrakeelt und allen die Decke auf den Kopf fällt. Ansonsten würde doch keiner freiwillig grundlos das Haus verlassen, weil es da draußen saulangweilig ist. So war das jedenfalls bis vor kurzem noch.

Spazierengehen ist nur dort sinnvoll, wo man nicht ständig wohnt. Im Urlaub zum Beispiel, um zwischen den Sehenswürdigkeiten links und rechts die putzigen kleinen Gassen zu erkunden, die nicht im „Lonely Planet“ stehen. Oder auf Geschäftsreise, um mit einem Informanten im Park geheime Dokumente für den nächsten Auftragsmord auszutauschen. Warum also seinen eigenen Kiez erkunden, in dem man jeden Strauch, jedes ausgeschlachtete Fahrrad, jeden Sticker an der Straßenlaterne kennt. Es gibt hier nichts zu sehen.

Und trotzdem spazieren und flanieren und mäandern sie da draußen, vorbei an den geschlossenen Cafés, den geschlossenen Bars und Restaurants, den geschlossenen Kinos und Geschäften. Ach, schau an, die haben inzwischen die Kühlschränke und Matratzen vom Straßenrand geräumt. Komm, lass uns mal so tun, als würden wir das Schaufenster hier betrachten. Damit uns nicht länger die Gesprächsfetzen der zu laut Schnatternden hinter uns irritieren und sie uns endlich überholen. Und saß dieses niedliche Plüschmonster da eigentlich schon immer auf dem Verkehrsschild? Wow.

Die Decke fällt uns aus alternativloser Pandemie-Alltagsmonotonie auf den Kopf

Der äußerste Notfall ist jetzt der Normalfall. Längst nicht nur sonn- und feiertags. Und schon gar nicht, weil zu viele Menschen im Haus wären, schön wär’s. Die Decke fällt uns aus alternativloser Pandemie-Alltagsmonotonie auf den Kopf. Also gehen wir halt doch vor die Tür und versuchen, uns mal wieder schönzumachen und schönzureden, wie schön es da draußen ist. Die kitzelnden Sonnenstrahlen, der belebende Geruch der Eiseskälte, das nicht vorhandene Geräusch von Schnee, der erfrischende Regen. Sie wissen schon.

Es ist alles andere als schön da draußen. Es ist gefährlich, vor allem in den Städten. Die Parks, die Gärten, die Waldwege und Trampelpfade, die Wege an Flüssen und Kanälen entlang, alles ausgetrampelt und überlaufen von viel zu vielen Menschen. Die großen Straßen sind verödet, weil sich alles auf den Grünstreifen ballt. Die Leute schauen sich um, anstatt geradeaus zu schauen. Sie sprechen miteinander, anstatt auf den Verkehr zu hören. Sogar die, die längst begriffen haben, dass es nicht schön ist da draußen.

Sie gehen raus, um Podcasts zu hören oder zu telefonieren oder die halbstündige Sprachnachricht abzuhören, für die zu Hause irgendwie keine Zeit war. Spazieren ist reine Performance, die einzige, die gerade geht. Man will sich sehen lassen, sich selbst und anderen beweisen, dass man noch da ist. Am besten mit nachhaltigem Thermobecher in der Hand.

Die App gaukelt vor, woanders zu sein

Die Verzweifelten gehen zur Abwechslung schon rückwärts, oder auf allen Vieren, wie früher aus dem Club raus. Die ganz verlorenen Seelen lassen Apps beim Laufen laufen, die ihnen vorgaukeln, sie spazierten durch Städte, die sie nicht mehr bereisen dürfen. Denn das, was es in der wahren Umgebung zu sehen gibt, wurde schon bis zum Abwinken gesehen, dokumentiert, festgehalten und hochgeladen, von der ulkigen Straßenkunst bis zum pittoresk gefrorenen Schwan auf dem Eis. Was man selbst verpasst hat, posten alle anderen. „FOMO“ ausgeschlossen.

Ob wir uns die Tage mal wieder sehen und reden wollen, fragt der alte Bekannte. Eine Runde spazieren. Ach, die Tage? Da kann ich leider nicht, da habe ich keine Lust. Auch das Onlinedate fragt. Eine Runde spazieren. Was in Filmen oder auf impressionistischen Gemälden immer so romantisch aussieht, gestaltet sich in der Realität meistens folgendermaßen: Beim Nebeneinanderherschlurfen einen flirty Blick zwischen Mütze und Maske senden und gleichzeitig in eine Pfütze oder gar Schlimmeres treten. Durch dicke Winterjacken und gegen den Wind Pheromone schnüffeln und nach sprühenden Funken suchen, so lange, bis einer pinkeln muss.

Was ist schlimmer als spazieren? Zu zweit spazieren!

Spazierengehen ist nicht Ausgehen. Was schlimmer ist als spazieren? Zu zweit spazieren. Es erschwert das Ausweichen und Abstandhalten, man muss die Schrittgeschwindigkeit anpassen, voreinander herlaufen und stehen bleiben, wenn einer beim Gehen seine Gedanken nicht ordnen kann.

Gehwege sind nicht zum Gehen, sondern zum Weggehen. Von A nach B, nicht, weil der Weg das Ziel ist. Spazieren ist unnötig. Spazieren ist kein Alibigrund, um andere Haushalte zu treffen. Sie wollen Kontakte vermeiden? Dann überlassen Sie das Feld den Hunde- und Kleinkinderhaltenden. Und denen, die schon vor einem Jahr da draußen waren, weil sie sonst keine Hobbys und sich nichts zu sagen haben.

Unterlassen Sie Spaziergänge! Sie wollen Ihre Gesundheit retten? Gehen sie rennen, radeln, reiten, rodeln oder rudern. Sie wollen sich vor Wahnsinn durch Tristesse bewahren? Werfen Sie sich mit anderen Supermarktkunden Tiefkühlkost hin und her. Mieten Sie sich ein paar Autos. Oder bleiben Sie einfach irgendwo stehen.

Text und Bild: Philipp Brandstädter

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