Unsere teuren Begleiter

Unsere teuren Begleiter

erschienen in der taz, die Tageszeitung, am 11. November 2023

Wenn das geliebte Haustier zum Arzt muss, kann es schnell teuer werden. Und die Kosten steigen immer weiter. Wie viel ist uns ein Tierleben wert?

Sunny war auch schon mal besser drauf. Seit einer Weile frisst sie nicht mehr gut und hat deutlich abgenommen. Ihre hellgrünen Augen sind so wach wie immer, auch das getigerte Fell glänzt, aber ihr Wesen hat sich verändert. Sunny zieht sich nun öfter mal zurück. Außerdem spart sie sich immer häufiger ihre „Zoomies“, diese fünf Minuten, in denen sie wie angestochen durch die Wohnung jagt.

Bald zehn Jahre schon wohnt Sunny mit Jennifer David zusammen. Und natürlich weiß David, wenn mit ihrer Katze etwas nicht stimmt. Also kommt Sandra Gütschow zum Hausbesuch nahe des Leopoldplatzes in Berlin-Wedding vorbei. Gütschow arbeitet für einen mobilen Tierarzt-Dienst in der Hauptstadt. Wollen sich Tierhaltende den Stress für sich und ihr Haustier in den Wartezimmern der Praxen sparen, rufen sie Gütschow und KollegInnen. Die fahren dann für Untersuchungen, Behandlungen, Impfungen und sogar für kleinere Operationen wie Kastrationen von Haus zu Haus.

Sandra Gütschow untersucht Sunny auf Jennifer Davids Wohnzimmertisch und ertastet bei der Katze etwas im Bauch, das ihr nicht gefällt. „Könnte auch nur ein Haarknäuel sein“, sagt die Tierärztin, „aber das sollten wir auf jeden Fall abklären lassen.“ Erstmal Blut abnehmen, dann in einer Klinik einen Ultraschall machen, rät sie. Jennifer David stimmt sofort zu. „Na klar. Aber wie viel wird das kosten?“ Festlegen will sich Gütschow nicht, aber ein paar hundert Euro werden es sicher.

Da muss Jennifer David schlucken. 600 Euro übernimmt ihre Haustierversicherung noch für dieses Jahr. Alles darüber hinaus wird die Einzelhandelskauffrau aus eigener Tasche bezahlen müssen.

34 Millionen Haustiere

Tierarztrechnungen betreffen hierzulande fast jeden zweiten Haushalt. Nach dem letzten, durch Corona ausgelösten Haustierboom leben wir mit mehr als 34 Millionen Hunden, Katzen, Meerschweinchen, Reptilien, Fischen zusammen. Und die sind nicht gerade billig. Aktuellen Studien zufolge geben ihre BesitzerInnen rund 6,5 Milliarden Euro pro Jahr für sie aus.

Was das auf die Lebensdauer eines einzelnen Haustiers gerechnet bedeutet, hat kürzlich ein Verbraucherportal ermittelt. Schildkröten kamen mit ihrer hohen Lebenserwartung auf fast 30.000 Euro, gefolgt von Hunden mit knapp 17.000 Euro und Katzen mit etwa 10.000 Euro. Die wenigsten HalterInnen haben sich das ausgerechnet, bevor ihr Tier ins Haus kam.

Und nun sind auch noch die Kosten für den Tierarzt deutlich gestiegen. Verantwortlich dafür ist eine neue Gebührenordnung, die Ende vergangenen Jahres in Kraft getreten ist. Sie legt verbindlich fest, wie viel eine tiermedizinische Behandlung kosten darf, nach Art der Untersuchung, Zeitaufwand, Schwierigkeit des Eingriffs und Spezialisierung der Praxen und Kliniken.

Zum ersten Mal seit über 20 Jahren wurden die Kosten neu ermittelt. In dieser Zeit hat sich die Veterinärmedizin den Standards der Humanmedizin angenähert. Es gibt bessere Medikamente, bessere Geräte, Chemotherapien für krebskranke Katzen und minimalinvasive Bandscheiben-OPs für Zwergdackel. Selbst Kaninchen werden ins MRT geschickt oder digital geröntgt. Natürlich sind die Behandlungskosten dabei gestiegen, teilweise um den doppelten und dreifachen Satz. Aber eine Hunde-OP für 2.500 Euro muss man sich erst mal leisten können, und wenn ein Tier lange in Behandlung bleiben muss, kann es noch teurer werden.

Was kostet Liebe?

Was ist uns so ein Tierleben eigentlich wert, wenn uns das Tier ans Herz gewachsen ist? Und warum hegen und pflegen wir manche Tiere wie unsere nächsten Angehörigen, während wir andere nur als ein Produkt betrachten?

Katze Sunny ist von Tierärztin Sandra Gütschow inzwischen in einen neongrünen Katzensack gepackt worden. Ein Katzengesicht mit weißer Nase und weißem Latz schaut aus dem einen Ende der Zwangsjacke, aus dem anderen Ende der getigerte Schwanz. So sitzt Sunny als kratz-, beiß- und fluchteingeschränktes Katzenpaket auf dem Wohnzimmertisch. Nur ein leises Knurren und ein halbes Fauchen bleiben ihr, man kann es Sunny nicht verübeln.

Jennifer David streichelt Sunnys Kopf, versucht ihre Katze und sich selbst zu beruhigen. Die Tierärztin rasiert an Sunnys linkem Vorderbein eine Vene frei. Die Nadel sitzt. Ein paar dicke Tropfen Katzenblut rinnen in ein Fläschchen. Dann öffnet Sandra Gütschow die Klettverschlüsse, Sunny flieht nörgelnd vom Tisch und schüttelt ihr Bein aus. Fürs Erste hat sie es überstanden, Jennifer David ist erleichtert.

In ihrem Auto tippt Tierärztin Gütschow einen Bericht in ihr Smartphone und schickt über die App des mobilen Tierarztdienstes die Rechnung an Jennifer David raus. Dann checkt sie ihre nächsten Termine. „Der Hund, der im Wartezimmer zu viel Angst hat, oder die Katze, die in der Box rebelliert, das sind unsere typischen Patienten“, sagt Gütschow. Als nächstes steht die Grund­immunisierung zweier Katzenwelpen an. Einer der angenehmen Hausbesuche. „Einmal Impfen und Geschlechter bestimmen, dann kann sich das Frauchen schon mal passende Namen aussuchen“, sagt sie, gibt die Adresse ins Navi ein und startet den Motor.

Nicht nur ein Traumjob

Sandra Gütschow liebt ihren Job, die Nähe zu den Tieren, den Kontakt mit den Menschen. Vor dem mobilen Dienst in Berlin hatte sie schon ein paar Jahre in einer Praxis in Sachsen-Anhalt gearbeitet. Der Praxisalltag war stressiger, vor allem dann, wenn das Wartezimmer voll war, aber zu wenig Personal im Dienst. „Im mobilen Dienst ist das etwas entspannter“, sagt sie. „Die Patienten wissen, wann sie dran sind. Außerdem kommen keine absoluten Notfälle dazwischen.“ Eine Operation an einem verletzten Tier, bei dem jede Sekunde zählt, ist nach wie vor ein Fall für die Klinik.

Die Klein- und Heimtierklinik der Freien Universität Berlin ist in einem grün-weißen Flachbauklotz untergebracht. Die FU bildet hier Studierende der Veterinärmedizin aus und forscht. Und natürlich werden auch Hunde und Katzen behandelt, außerdem Kleinsäuger wie Hamster und Ratten, Vögel, Reptilien und Wildtiere. „Den wenigsten Leuten ist klar, was die Behandlungen mit Arbeitszeit, Geräten, Material und Medikamenten kosten“, sagt Barbara Kohn, selber Tierärztin und geschäftsführende Direktorin der Klein- und Heimtierklinik.

Wenn wir selbst zum Arzt gehen, sehen wir die Kosten in der Regel nicht. Wir geben unsere Gesundheitskarte ab, den Rest regeln die gesetzlichen Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigung unter sich. Wie viel kosten eine Impfung, eine Zahnfüllung, ein EKG oder eine Operation? Auf der Tierarztrechnung wird so etwas sofort klar: Allgemeiner Check 50 Euro, Blutbild 70 Euro, Ultraschall bis zu 170 Euro, Kastration Kater 200 Euro, Sterilisation Hündin 1.000 Euro. Kreuzband­riss-OP inklusive Inhalationsnarkose, Material und Medikamente: 1.500 bis 4.000 Euro. Da kann es schnell passieren, dass Herrchen oder Frauchen an ihre finanziellen Grenzen kommen.

Gebührenordnung überfällig

„Für die Kolleginnen und Kollegen in den Praxen war die neue Gebührenordnung überlebenswichtig“, sagt Barbara Kohn. Schließlich müsse es TiermedizinerInnen in privaten Praxen gelingen, dass es nicht nur den Tieren gut geht, sondern auch den Unternehmen. Viele ÄrztInnen hätten das bei den alten Gebühren nicht mehr länger stemmen können.

Insbesondere in ländlichen Regionen hängt eine Praxis oft an einer einzelnen Person. Die Einnahmen reichen nicht für zusätzliches Personal, was einen 24-Stunden-Dienst unmöglich macht. Dann überarbeiten sich manche private TierärztInnen, um ihren Betrieb zu erhalten. Oder sie machen ihre Praxis dicht oder verkaufen sie an eine Tierarztkette, die mehr Finanzkraft hat.

Der Beruf des Tierarztes ist nicht nur ein Traumjob, er ist auch ziemlich hart. Wer ihn machen will, braucht ein hervorragendes Abitur oder viele Wartesemester. Nach mindestens elf Semestern an der Uni geht es dann in die Praxis. Das Bruttoeinstiegsgehalt ist mit 3.500 Euro überschaubar, alternativ bleibt gleich der riskante Gang in die Selbstständigkeit.

Höhste Selbstmordrate

In beiden Fällen hinzu kommen Überstunden und die nicht zu unterschätzende emotionale Belastung, für Tier und Mensch verantwortlich zu sein. „Hinter jedem Tier steht ein Mensch“, sagt Klinikdirektorin Barbara Kohn. „Sie hängen an ihren Tieren, machen sich Sorgen, müssen beruhigt werden, brauchen Rat oder auch Beistand.“

Tiermedizin ist gleichzeitig Seelsorge. Manchmal müssen MedizinerInnen und Tierhaltende gemeinsam abwägen, welche Behandlungen überhaupt Sinn machen. Manchmal sind Tiere, die sich über die Jahre in nahezu gleichwertige Familienmitglieder verwandelt haben, nicht mehr zu retten. Internationale Studien kommen zu dem Ergebnis, dass VeterinärmedizinerInnen ein doppelt so hohes Suizidrisiko wie ÄrztInnen haben und ein viermal so hohes wie die Allgemeinbevölkerung.

In einer großen Klinik hingegen gibt es auch ruhigere Tage. Die Technik und die Medikamente stehen bereit, ebenso deutlich mehr Fachkräfte. So können Dr. Kohn und ihre KollegInnen auch mehr Zeit in die Vorsorge investieren, wenn sich das die Tierhaltenden wünschen.

Die Ohren krabbeln

Kao Drozd kommt mit seinen drei Berner-Sennenhund-Retriever-Mischlingen regelmäßig zum Routinecheck. Der Mann wartet im Behandlungszimmer auf einem Stuhl am Fenster. Hündin Moria hat sich schon brav auf den Tisch gelegt, sie kennt den Ablauf. Ihre Kinder Schaschlik und Blitzie, auch schon längst erwachsen, spazieren neugierig durch den Raum. Dieses Mal ist Drozd mit ihnen hier, weil ihm aufgefallen ist, dass sie sich seit dem Toskana­urlaub häufiger an den Ohren kratzen als sonst.

Barbara Kohn tastet Morias Ohrmuscheln ab und sammelt mit einem Stäbchen ein bisschen Ohrenschmalz. Eine Kollegin verschwindet mit den Abstrichen ins Labor. Dort fixiert sie die Proben auf einem Träger, färbt sie ein und untersucht sie unter dem Mikroskop. „Nichts Ernstes“, sagt sie, „aber in den Ohren reichlich Malassezia.“ Hefepilze. Die können sich gut bei Wärme und Feuchtigkeit ausbreiten, wie bei einem Urlaub am Mittelmeer.

Die Tierärztin checkt die Impfpässe und klärt Drozd über die zuletzt angestiegenen Babesiose-Fälle im Raum Berlin auf. Die auch als Hundemalaria bekannte Krankheit wird durch die Bunt- und Wiesenzecke übertragen. Nach jedem Ausflug ins Grüne müssen die Drei unbedingt auf Zecken untersucht und mit Medikamenten zum Einnehmen oder Auftragen geschützt werden, klärt sie ihr Herrchen auf. Dann geht es zum Ultraschall. Schaschliks kleine Zyste sieht weiterhin unbedenklich aus. Der Rüde winselt, der Arztbesuch mit dem ständigen Stillhalten wird ihm langsam zu viel.

Kao Drozd vergräbt sein Gesicht in Schaschliks Fell, Mensch und Hund schließen die Augen und atmen tief durch.

Nach einer knappen Dreiviertelstunde ist die Rundumversorgung abgeschlossen. Die Tierärztin belohnt die Hunde mit ein paar Leckerlis, schon ist die Stimmung wieder bestens. „Ist das nicht ein toller Beruf?“, fragt sie schmunzelnd in den Raum.

Manchmal fehlt das Geld

Zwei-, dreimal im Jahr kommt Kao Drozd mit seinen Hunden in der Tierklinik der FU vorbei. „Für Tierarztbesuche zahle ich über 1.000 Euro im Jahr“, sagt er. „Aber das ist es wert, Frau Kohn und ihr Team kümmern sich um alles.“ Sowieso sind ihm die drei Hunde viel wert: Sie bekommen hypoallergenes Diätfutter, weil sie rotes Fleisch nicht gut vertragen. Natürlich geht das ins Geld. Dazu die Steuern, der Tierarzt, ab und zu Spielsachen. „Man muss finanziell gut aufgestellt sein, wenn man drei große Hunde hat“, sagt Kao. „Aber die drei sind wie unsere Kinder, wir tun alles für sie.“

In Kürze ziehen er und sein Partner sogar für sie um. Genauer gesagt für Moria, die Hundemama, weil die mit ihren zwölf Jahren zunehmend schwerer in den fünften Stock der gemeinsamen Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg kommt. Also haben ihre beiden Herrchen entschlossen, ein Haus in Bestensee zu kaufen, wo es viel mehr Platz und weniger Stufen gibt.

„Geld spielt keine Rolle, wenn es um meine Katzen geht“, sagt auch Jennifer David aus dem Wedding. Sunny ist ganz auf ihr Frauchen fixiert. Sie war eine Problemkatze, zu früh von der Mutter weg, das Immunsystem vom Katzenschnupfen angegriffen. Jennifer David hat sich um Sunny gekümmert – und Sunny wusste das immer zu schätzen. Ist Frauchen zu Hause, weicht ihr die Katze nicht von der Seite. Nicht einmal in der Küche beim Zwiebeln schneiden, wenn Sunny ihre Zuneigung mit zusammengekniffenen Augen zeigen muss.

Die OP geht am meisten ins Geld

In anderen Fällen fehlt das Geld aber eben doch. Sandra Gütschow und ihre KollegInnen müssen häufiger mit den TierhalterInnen besprechen, welche der vielen zur Verfügung stehenden Behandlungen sich diese überhaupt leisten können. Einmal Krallen kürzen, eine Beratung oder eine Impfung, das geht noch nicht so sehr ins Geld. Bluttests sind durch die gestiegenen Laborkosten schon problematischer. Und was, wenn ein Tier operiert werden oder viele Tage in Intensivpflege gehen muss?

Eine OP sei deshalb so teuer, weil das Tier nicht wie früher einfach festgeschnallt und betäubt, sondern von einer zusätzlichen Fachkraft intubiert und per EKG überwacht wird. In einer Klinik operieren auch mal zwei ChirurgInnen zeitgleich am selben Tier. Sie verwenden Instrumente, verbrauchen Medikamente – ganz zu schweigen von der Materialschlacht an sterilen Einwegartikeln: Kittel, Handschuhe, Maske. Die Rechnung für alles ist am Ende schnell vierstellig.

Der Bund angestellter Tierärzte – und mit ihm die gesamte Heimtierindustrie – rät zu Haustierversicherungen. Deren Kosten hängen oft von Alter, Rasse und der Haltung des Tieres ab. Freigängerkatzen werden teurer versichert als Stubentiger. Qualzuchten wie Mops und Bulldogge oder Reinrassen wie Labrador kosten mehr, weil sie im Durchschnitt häufiger zum Tierarzt müssen. Es gibt teure Versicherungen mit Krankenvollschutz, die Operationen, Diagnostiken und Nachbehandlungen mit einschließen. Eine jüngere Katze kann dann um die 130 Euro Versicherung im Jahr kosten, ein alter Hund über 1.000 Euro. Günstiger sind Versicherungen, die nur medizinisch notwendige Eingriffe abdecken. Oft müssen dann Impfungen, Chippen oder die Kastration selbst bezahlt oder eine OP anteilig übernommen werden.

In Deutschland sind dennoch nicht viel mehr als 10 Prozent der Haustiere versichert. Der Rest kommt privat für die Kosten auf. Die einen geben bald mehr Geld für ihr Tier aus als für sich selbst: gesündere Nahrung, Bekleidung und Decken ohne Giftstoffe, Besuche beim Fellstylisten, regelmäßige Sportangebote, ein größerer Käfig, eine bessere Beleuchtung für das Meerwasseraquarium, neue Kratzmöbel für das Katzenkletterzimmer, Psychotherapie für traumatisierte Hunde. Nach Feierabend noch einmal kurz in den Heimtierladen, ein kleines Geschenk mitbringen. Wie ein Spielzeug für das Kind. Nicht jeder kann sich das leisten und gibt trotzdem alles für die Tierliebe, in krassen Fällen manchmal buchstäblich sein letztes Hemd.

Unsere Beziehung zum Tier

Die besondere Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Haustier wird schon lange von WissenschaftlerInnen untersucht. Einen Ansatz zu ihrem Ursprung lieferte der Soziobiologe Edward O. Wilson Mitte der 1980er-Jahre. In seiner Biophilie-Hypothese geht er davon aus, dass Menschen ein angeborenes Interesse an der Natur haben und eine grundlegende Verbundenheit zu allem spüren, das lebt. Der Mensch beobachtet die Natur – und achtet das Leben, zunächst.

Durch diese Verbindung sind Mensch und Wolf einst auf der Suche nach Nahrung eine Partnerschaft eingegangen, in der der Mensch die schärferen Sinne des Wolfs nutzte und der Wolf die Jagdtaktiken und den Schutz des Menschen.

Auch in der Verhaltenspsychologie wird viel darüber spekuliert, wie die unterschiedlichen Spezies über die Jahrtausende aneinander gewachsen sind. Fest steht: Die Nachfahren des Wolfes haben nicht ohne Grund Gesten, Mimik und Dutzende Wörter der Menschen zu verstehen gelernt – und wie sie uns per Hundeblick dahinschmelzen lassen. Bald hat der Hund zuverlässig das Vieh gehütet und vor Gefahren gewarnt. Mensch und Tier: eine Überlebensgemeinschaft.

Wahrscheinlich war es auch der Hund, der es dem Menschen überhaupt erst möglich gemacht hat, Siedlungen zu bauen sowie zunächst Tierzucht und später Ackerbau zu betreiben. Durch ihn konnte der Mensch dazu übergehen, Tiere nicht mehr zu jagen, sondern zu pflegen, zu züchten – und vor Raubtieren zu beschützen. Und wahrscheinlich war es auch der Umgang mit Tieren, durch den der Mensch seine sozialen Fähigkeiten geschult und verbessert hat.

Kein Siedeln ohne Hunde und Katzen

So kommt die nächste Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier ins Spiel. Die Geschichte der Hauskatze wird eher ein Fall der Selbstdomestizierung gewesen sein, vermutet die Wissenschaft. Das unabhängige Wesen der Katzen und unsere Akzeptanz ihrer genügsamen bis ignoranten Eigenart spricht Bände. Seit wann die Katze den Menschen als Haustier begleitet, ist noch nicht genau eingegrenzt. Doch in der Archäologie ist bekannt, dass die Tiere bereits bei der Besiedlung Zyperns vor 15.000 Jahren eine Rolle gespielt haben. Die Falbkatze war dort nicht heimisch. Und ohne die Boote der ersten Siedler wären Katzen nicht auf die Insel gelangt.

Die Katzen jagten die Schädlinge, die die Ernte in den Siedlungen ruinierten – und schlichen sich in die Herzen unserer Vorfahren. Ältere Katzen, die nicht mehr auf die Jagd gingen, wurden offenbar mit den Essensresten der Menschen gefüttert. Uralte Katzenknochen geben Hinweise darauf, dass sich die Tiere neben den Ratten und Mäusen offenbar auch viel von Hirse ernährten.

Mit der Industrialisierung kommt uns schließlich die von Wilson postulierte Verbundenheit zur Natur nach und nach abhanden. Nutztiere werden zu Produkten. Die Liebe zum Haustier aber bleibt. So gelangen Tierarten in die Wohnungen, die auch auf kleinerem Raum gehalten werden können. Hunde, Katzen – und noch ein paar, die hinter Gitter und Glas passen und hübsch anzuschauen sind. Die beobachtet, füttert und pflegt der Mensch, bis dieser eine persönliche Beziehung zu ihnen entwickelt und das niedere Wesen zum Individuum aufsteigt.

Von der Krone der Schöpfung zum Zerstörer der Welt

Trotzdem denkt der Mensch lange, er sei mehr wert. Schon im Diskurs der frühzeitlichen Philosophie erläutern die alten Denker, wie uns erst die Abgrenzung vom Tier zum Menschen macht: Aristoteles beginnt den Differentialismus, indem er Tieren die Vernunft abspricht. Später beschreibt Descartes Tiere als komplexe Automaten ohne Bewusstsein und Seele. Kant sagt, nur vernunftbegabte Wesen können auf moralisch relevante Weise geschädigt werden. Sein berühmter Imperativ, nach dem wir stets nur so handeln sollen, wie wir es auch als allgemeines Gesetz vertreten würden, ist letztlich eine versöhnende Beschwichtigung: Folglich dürfen wir Tiere deshalb nicht schlecht behandeln, weil wir selbst dadurch verrohen und Gefahr laufen, auch unsere Mitmenschen schlecht zu behandeln.

Doch dann gerät der Mensch als Maß aller Dinge auf den Prüfstand. Durch den Schaden, den er anrichtet, fällt er in seiner Moral als unmenschlicher Zerstörer der Welt ab. Währenddessen werden Tiere besser erforscht und ihre kognitiven Fähigkeiten erkannt. Tiere nutzen Werkzeuge, kommunizieren, verfügen über soziale Kompetenzen, haben Mitleid, trauern umeinander.

Der arrogante Differentialismus weicht dem Assimilationismus: Eigentlich gibt es gar keinen eindeutigen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Philosophen des 20. und 21. Jahrhunderts wie der US-Amerikaner Tom Regan oder der Australier Peter Singer, beides Koryphäen für aufgeklärte VeganerInnen, schreiben Tieren Bedürfnisse und Rechte zu. Ein Tier, das Freude und Glück empfindet, müsse auch ein Interesse daran haben, nicht zu leiden. Damit erhält das Tier moralische Rechte, die verletzt werden, sobald der Mensch es nutzt. Für triviale Zwecke dürfe der Mensch fortan keinem Tier Leid zufügen.

Reine Willkür

Um diesem moralischen Dilemma zu entgehen, ziehen die meisten von uns eine willkürliche Grenze. Die moralischen Rechte gelten vor allem für jene Tiere, die uns nahestehen.

Indem wir zwischen Haustieren und Nutztieren unterscheiden, ist es uns möglich, das eine Tier zu essen, während wir das andere Tier streicheln. Das ist durchaus eigennützig, das Streicheln tut uns gut. Wir streicheln das Tier – und gleichzeitig unsere Seele. Durch die Berührung schütten wir Oxytocin aus. Das Kuschelhormon hält eigentlich Paare zusammen und bindet Eltern an ihr Kind. Es wirkt aber auch artübergreifend.

Flauschen wir ein warmes Fell, sinken Stress und Blutdruck. Tiere, die sich in unserer Nähe wohl fühlen, beruhigen uns. Öffnen wir daraufhin unser Herz und geben dem Tier einen Namen, gehen wir eine Beziehung aus gegenseitiger Vertrautheit, Zuneigung und Fürsorge ein. Somit könnte man auch das Haustier als Nutztier betrachten, da wir es zu Gunsten unseres Wohlbefindens halten. In Befragungen antworten Herrchen und Frauchen, ihre Tiere würden sie aktiver und geselliger machen.

Machen uns Haustiere gesund?

Gesundheitsdaten belegen, dass die Aufenthaltszeiten in Krankenhäusern von Tierhaltenden kürzer sind. Ob ein Haustier dem Menschen aber generell gut tut, ist schwierig wissenschaftlich zu erfassen. Die Untersuchungen sind Momentaufnahmen. Schließlich steht den Glücksmomenten mit dem Tier einerseits die Mühe gegenüber, dem Schützling mit seinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Und andererseits der aufreibende Leidensweg, wenn das geliebte Haustier ernsthaft krank wird.

Ein paar Tage später ist Sunny wieder beim Tierarzt. Die Laborwerte sehen nicht gut aus, ebenso die Bilder aus dem Ultraschall. Die Tierärzte sagen, für eine genaue Diagnose müssten sie eine Gewebeprobe entnehmen. Aber alles deutet auf ein gastrointestinales malignes Lymphom hin, Lymphdrüsenkrebs, typisch bei älteren Katzen. Dann könnte man wahlweise mit Cortison behandeln oder eine Chemotherapie beginnen. Das eine verlängert das Katzenleben vielleicht um ein paar Wochen oder Monate, das andere vielleicht um ein Jahr oder mehr. Aber die 15, 16 Jahre, die eine gesunde Hauskatze im Durchschnitt alt werden kann, würde Sunny nicht erreichen.

Leben oder Leid verlängern

Jennifer David und die Fachkräfte wägen ab. Beide Parteien sprechen mal in reiner Vernunft, mal aus dem Herzen heraus. Ein Menschenleben würde man so lange wie möglich am Leben halten, ob der Mensch nun will oder nicht. Aber was ist mit dem Tier, das sachliches Eigentum und Lebenspartner gleichermaßen ist? Was ist das Beste für Sunny?

Jennifer David schaut ihrer tierischen Begleiterin in die Augen und fasst einen Entschluss. „Ich möchte das nicht. Ich kenne sie.“

Wenn Sunny nach der Operation wieder ganz die Alte gewesen wäre, hätte sie weiteren Behandlungen zugestimmt. Doch so entscheidet sie sich gegen den Eingriff und weitere Therapien.

Eine Woche nach der Diagnose wird Sunny eingeschläfert. „Vielleicht hätten wir ihr Leben ein wenig verlängert, vielleicht aber auch nur ihre Schmerzen“, sagt Jennifer David. Natürlich bricht es ihr das Herz, dass sie Sunny verloren hat. „Aber Tierliebe bedeutet auch, dein Tier nicht leiden zu lassen.“

Text und Bild: Philipp Brandstädter

Nachts im Wald

Nachts im Wald

Warum die Abenteuer in der Ferne suchen? Das geht doch auch vor der Haustür. Man kann zum Beispiel eine Nacht in der freien Natur verbringen. Ich habe es ausprobiert. Und dabei überraschenden Besuch bekommen.

Als sei ich der einzige Mensch auf der Welt. Grillen zirpen. Ein Glühwürmchen tanzt an mir vorbei. Ein Waldkauz sitzt in den Bäumen und macht huuuh-huuuh. Sonst bin ich ganz allein, allein in der Wildnis – keine Menschenseele weit und breit.

Dann höre ich, wie ein Motorrad die Bundesstraße entlang röhrt. So allein bin ich wohl doch nicht. Und um ehrlich zu sein: Auch die Wildnis um mich herum ist nur halb so wild. Ich liege auf einem einsamen Zeltplatz in einer Hängematte. In einem Stückchen Wald am Rande der Stadt. Und gucke mir durch die Baumwipfel hindurch die Sterne an.

Viele Leute sind in den Sommerferien verreist. Um sich ein bisschen zu erholen und andere Gegenden zu besuchen. Aber man kann auch direkt vor der Haustür etwas erleben. Also habe ich beschlossen, eine Nacht in freier Natur zu verbringen. Das kann man zum Beispiel mit einem Zelt im Garten machen. Ich versuche es einfach mal mit einer Hängematte im Wald. Den kenne ich von vielen Sonntags-Spaziergängen ziemlich gut. Also habe ich meinen Rucksack mit Proviant und Schlafzeug zusammen gepackt und bin los gewandert.

Die Sonne geht unter

Bei Dämmerung sieht ein Wald allerdings anders aus als bei Tageslicht. Auf dem Weg zum Zeltplatz habe ich mich deshalb ein bisschen verlaufen und mein Nachtlager erst bei Sonnenuntergang erreicht. Dann habe ich ganz verträumt beobachtet, wie die Sonne am Horizont verschwindet. Wie die letzten Sonnenstrahlen des Tages in gold und orange durch die Waldlichtung scheinen. Im nächsten Augenblick war es duster. Und auf einmal auch irgendwie ein bisschen unheimlich.

Keine Zeit zum Gruseln! Im Licht des Mondscheins zurrte ich rasch meine Hängematte zwischen zwei Buchen fest und hängte ein Moskitonetz in die Zweige. Das ging noch ziemlich leicht. Viel schwieriger: Zähne putzen und Kontaktlinsen aus den Augen popeln. Ohne Licht, ohne Spiegel, ohne fließendes Wasser aus dem Wasserhahn. Ebenfalls nicht so einfach: Aus den Klamotten hinaus und in den Schlafsack hinein schlüpfen, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Man will ja kurz vorm Schlafengehen nicht barfuß in eine Brennnessel treten. Oder in eine glibberige Nacktschnecke.

Als ich im Schlafsack eingemummelt in meiner Hängematte schaukle, ist auch das Gruseln verflogen. Über mir rauscht der Wind durch die Baumwipfel. Der Waldkauz ruft. Alles wirkt so friedlich hier draußen. Bis mir durch das Moskitonetz hindurch die ersten Regentropfen ins Gesicht nieseln. Ich mache mir Sorgen. Ob das so eine gute Idee war, ohne Zelt loszumarschieren? Ob der Regen stärker wird? Säuft dann mein Nachtlager ab? Muss ich mein Abenteuer abbrechen und mitten in der Nacht zurück nach Hause laufen?

Wer weckt mich da?

Ein Knistern und ein Rascheln weckt mich. Ich muss beim Grübeln eingeschlafen sein. Meine Nasenspitze ist ganz kalt. Mein Rücken auch ein wenig. Längere Zeit in einer Hängematte zu schlummern, ist doch nicht so bequem wie auf einer Matratze. Um mich herum wird es langsam wieder hell. Vögel zwitschern. Und keine Regenwolke am Himmel zu sehen. Aber was war das denn nun für ein Geräusch?

Ich schaue mich um. Im dem Moment verschwindet ein dicker, pelziger Hintern im Dickicht. Davor liegen überall Fetzen meiner zerrissenen Papiertüte auf dem Waldboden. Und auf der Sitzbank ein letzter Bissen von meinem Käsebrot, das in der Tüte war. Ein Waschbär hat sich über meinen Proviant hergemacht! Den habe ich wohl nachts vergessen wegzupacken.

Das Frühstück im Wald kann ich abhaken. Ich hätte besser aufpassen müssen. Also räume ich mein Nachtlager auf und packe meine Sachen in den Rucksack. Dann schlurfe ich verschlafen zur Waldlichtung zurück in die Stadt. Ich freue mich auf ein warmes Brötchen vom Bäcker. Auf einen frisch gepressten Saft. Und ganz besonders auf mein gemütliches, warmes Bett!

Text und Bild: Philipp Brandstädter,
zunächst erschienen über dpa Nachrichten für Kinder, September 2014

Quellen:

Tipps zum Übernachten im Freien

Bundesnaturschutzgesetz

Die Kraft der Meditation

Die Kraft der Meditation

erschienen in der GEO 02/18

Lebe im Hier und Jetzt. Genieße den Augenblick. Sei gesund, geborgen, unbeschwert. Atme. Werde glücklich. Dieses Wellness-Gefasel, diese Kalenderweisheiten kreiseln durch meinen Kopf, als ich auf einem Meditationskissen balancierend mit geschlossenen Augen eine Rosine inspiziere.

Etwas angewidert rolle ich sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Das Glück liegt in den kleinen Dingen, rede ich mir ein: Nimm den Moment wahr. Der Rosinenmatsch duftet fruchtig. Nicht so intensiv wie das Bohnerwachs in der Turnhalle des Hauses Rheinsberg, keine anderthalb Stunden Reisebusgetuschel von Berlin entfernt. Ich bin ganz hier. Wir.

Ich und meine Skepsis.

Mit Sinnsprüchen ist das nämlich so eine Sache. Manchmal sind sie so fürchterlich schwammig und abgedroschen. Wenn mir die Worte fehlen, um eine Sache zu beschreiben, fällt es mir schwer, die Sache ernst zu nehmen. Ich lasse mich lieber von der modernen Wissenschaft überzeugen als von uralten Traditionen und Lehren.

So habe ich ein Weilchen gebraucht, um mich auf die Meditation einzulassen. Keine Frage, dass sie Menschen bereichern würde. Aber wie soll ich plötzlich eine Sache beherzigen, die ich immer belächelt habe?

Das ReSource Project war DIE Gelegenheit für mich: Meditieren lernen im Sinne der Wissenschaft! Resource ist die größte Studie, die es bislang in der Meditationsforschung gegeben hat. Durchgeführt vom Max Planck Institut in Leipzig, unterstützt von der Berliner Charité und der EU.

Dabei wird erstmals die Wirkung verschiedener mentaler Techniken miteinander verglichen: Wie verändern sie Gehirn, Körper und Verhalten? Womit lassen sich Achtsamkeit, Mitgefühl und Sozialkompetenz am besten trainieren? Als Teilnehmer wurden 160 Meditationsanfänger gesucht. 2700 haben sich beworben.

Tausend Tests

Ich habe psychologische Eignungsgespräche über mich ergehen lassen. Eintausend Fragen beantwortet, angekreuzt, skaliert, mich selbst beurteilt. Wie intensiv spüren Sie beim Duschen die Wassertropfen auf Ihrer Haut? Ein bisschen? Ein bisschen mehr? Keine Ahnung? Ich habe Auskunft darüber gegeben, wie immungeschwächt, wie zornig, wie suizidgefährdet ich bin. Ich habe mein Gehirn im Magnetresonanztomographen durchleuchten lassen. Ich habe Blut abgegeben, in Röhrchen gespuckt und mir abstoßende Fotos vorsetzen lassen. Verletzte Kriegsopfer, verkohlte Leichen. Verstörend. Und zeitaufwändig. Es hat Wochen gedauert, um es in die finale Auswahl zu schaffen.

Schließlich finde ich mich für meine erste Meditationslektion in einer Turnhalle wieder. Um mich herum gestresste Mütter, gestresste Lehrer, gestresste Büroangestellte. Sie können nicht mehr ruhig schlafen, sagen sie. Ihr Chef mache sie wahnsinnig, sagen sie. Darum lassen sie sich in ein straffes Mammutprogramm einspannen, das Rettung verspricht.

Neun Monate ReSource. Alle drei Monate zwei neue Meditationstechniken. Scans im MRT, viele Computertests, unzählige Fragebögen. Jeden Tag meditieren, jede Woche Unterricht. Und drei Wochenenden in Rheinsberg, ein Idyll zwischen Schlosspark und Seenlandschaft.

Achtsam im Hier und Jetzt

Ich verbiege meinen Rücken in eine ungewohnt aufrechte Haltung. Von den knapp 200 Probanden und wissenschaftlichen Mitarbeitern in der Turnhalle macht Trainerin Isabella auf dem Sitzkissen die beste Figur. Dicht gefolgt von den anderen 16 ReSource-Coaches. Psychologen, Therapeuten, Ärzte, Pädagogen, Philosophen, Kommunikationstrainer.

Isabella referiert gelassen und regungslos im Lotos-Sitz. Ich ahme sie nach, mir schlafen die Beine ein. An meinem rechten Schulterblatt brennt ein Muskel, den ich bis jetzt noch nicht kannte. Isabella spricht von einer Methode, die unsere Mitte stärken soll, wenn uns der reißende Strom an Nachrichten, Aufgaben und Erwartungen fortzuspülen droht. Die Methode heißt Atmen. Atmen will ich auch und nicke. Die Probanden um mich herum nicken mit. Bewusstes Atmen ist die Grundlage des Projekts, sagt Isabella. Es soll uns in der Gegenwart verankern. Das erste Modul des ReSource-Programms heißt deshalb „Präsenz“.

Modul „Präsenz“ (drei Monate):
Im Mittelpunkt steht das Selbst: Wie kann ich mich besser auf den Augenblick konzentrieren – ohne zu urteilen, ohne zu werten?
Techniken: Atemmeditation und Bodyscan

Denn wer seinen Körperzustand bewusst wahrnimmt, der erkennt den Augenblick, heißt es. „Achtsamkeit“ nennen Forscher die Konzentration auf das Hier und Jetzt. Und wer im Moment lebt, ist glücklich. Studien belegen das.

Das leuchtet ein. Wenn mich mein Terminplaner unter Druck setzt, lenke ich mich mit Erinnerungen ab. Meist denke ich dann an Deadlines, die ich verpennt, an Hausaufgaben, die ich aufgeschoben, an Menschen, die ich enttäuscht habe. Ich ersetze Stress durch Stress. Am eigentlichen Augenblick lebe ich vorbei. Seitdem ich in Berlin wohne, bin ich hektischer, miesepetriger und desinteressierter geworden. In der Stadt der Heimatlosen ist mir alles zu viel, wenn ich durch die Straßen zu einem Termin hetze, den Blickkontakt scheue, kaum etwas um mich herum wahrnehme. Manchmal weiß ich gar nicht, wen ich zuerst ignorieren soll.

Ich will gern achtsamer sein. Meine Welt wahrnehmen. Mein Bewusstsein entwickeln.

Also dann. Beginne zu atmen, sage ich mir.

Atemmeditation (10min): Die Aufmerksamkeit ruht ganz auf dem Atem. Sobald Gedanken und Gefühle auftauchen, wird die Konzentration wieder sanft zurück auf die Atmung gelenkt.

„Lenke deine Aufmerksamkeit auf den Punkt, wo du gewohnt bist, den Atem zu spüren“, sagt Isabella. „Begleite die Atemwellen. Vom Beginn des Einatmens bis zum Ende des Ausatmens. Und durch die Pause dazwischen.“

Es könnte so einfach sein. Doch die Gedanken spülen mich aus dem Raum.

Bilder, Erinnerungen, Phantasien. Sie entführen mich erst in die Vergangenheit, dann in die Zukunft und wieder zurück. Ich rieche Parfüm, blinzle kurz, vor mir die Studentin mit der weinroten Strickjacke und der Ballonhose. Blickkontakte angeln. Sie könnten das ständige Schweigen erträglicher machen. Ich höre knurrende Mägen, schniefende Nasen. Ich sehe ein rotes Nachrichtenband, das meine Gedanken verschriftlicht. Ich säe Zweifel. Soll ich Erlösung finden, indem ich einfach nur atme?

Tagelang passiert gar nichts. Zu Hause, wo ich mir mit meinem Sitzsack und drei Kissen ein Meditationsprovisorium gebaut habe, spricht Coach Axel via Smartphone zu mir. Jeder von uns hat so ein „Medifon“ bekommen. Es zeichnet unsere Übungen auf, erinnert uns an Fragebögen und spielt die Tonspuren ab, die die Trainer für die Anleitungen zuhause eingesprochen haben.

Das Telefon ahnt nicht, dass ich die vorgegebene Meditationszeit einfach nur mürrisch absitze. Genauso wie die wöchentlichen Gruppentreffen in der Charité.

Den meisten Probanden geht es ähnlich, erzählen sie. Sie sind angestrengt, haben hohe Erwartungen an sich, wollen gute Daten liefern. Genau, wie es das Leistungsprinzip verlangt. Genau, wie Meditation nicht funktionieren kann. Bis wir vor lauter Konzentrationskrampf wegdämmern.

Es tut sich etwas

Doch genau in dieser schlaftrunkenen Zwischenwelt zwischen Traum und Bewusstsein gibt es jene Momente. Dort lösen sich Hast und Zweifel durch Ruhe und Genügsamkeit ab. Etwas verändert sich. Ich bin begeistert: Jetzt meditierst du endlich! Wie das erst wird, wenn du die Techniken perfektioniert hast! Dann bist du vielleicht noch leistungsfähiger, brauchst weniger Schlaf und kannst noch mehr aus deinem Leben herausholen. Produktiver sein! Irgendwann einmal… Und schon wieder bin ich meilenweit vom Augenblick entfernt.

„Wenn deine Aufmerksamkeit gewandert ist, dann lenke sie zurück zum nächsten Atemzug“, sagt Axel.

Die hellen Momente häufen sich. Sie motivieren mich zum Üben. Langsam erschließt sich mir der Fokus auf die Atmung. Sie lenkt die Wahrnehmung von meiner Umgebung in meinen Körper. Atmen entspannt. Atmen ist eine gute Sache, finde ich, Kontraktion und Entspannung, es ist tatsächlich so, als ob ich einen Muskel trainieren würde.

In meinem Kopf tut sich etwas.

Im Park unter rauschenden Blättern. Ihr Grün ist bereits dem Rot und Gold gewichen, doch die Luft fühlt sich immer noch nach Sommer an. Ich bin hier: nicht gestern oder morgen, sondern jetzt. Zum ersten Mal. Liege im Gras und sinke mit jedem Atemzug tiefer in den Boden. Ich übe „interozeptives Gewahrsein“. So heißt das. Per Bodyscan. Der zweiten Übung, die ich neben der Atemmeditation täglich trainieren soll.

Bodyscan (20min): Die Aufmerksamkeit wandert nach und nach durch jedes Körperteil und registriert alle Empfindungen, ohne sie zu bewerten.

„Es gibt nichts zu tun und nichts zu erreichen“, flüstert Axel durch die Kopfhörer. „Richte deine Aufmerksamkeit auf deine Zehen des linken Fußes.“

Von den Zehen aus reise ich durch meinen Körper. Nehme Kribbeln, Taubheit, Wärme wahr. „Spüre tief in dein linkes Kniegelenk hinein“, flüstert Axel. Igitt. Es ist mehr ulkig als angenehm, die Nuancen der Körperempfindungen zu unterscheiden. „Sei einfach eine Antenne, die alles wahrnimmt, ohne die Wahrnehmung zu bewerten“, flüstert Axel aus dem Smartphone.

Die Übungen machen mich ruhiger, gelassener, genügsamer. Meinen Alltag verändern sie auch. Ich registriere mehr Details in meiner Umgebung. Die Giebel und Sockel von Häusern, an denen ich schon hundertmal vorbei gefahren bin. Die Verästelungen der Bäume im Park. Das Atmen stärkt meine innere Mitte. Und beim Sport funktioniert mein Körper wie von allein, so scheint es. Meine Joggingstunde durch den Wald ist auf einmal 20 Minuten kürzer und die Hanteln im Fitnesscenter sind leichter als in der Woche zuvor.

Die Verwandlung geht schnell. Langsam wird sie mir unheimlich.

Wie ticke ich, wie ticken die anderen?

Seit 12 Wochen im ReSource-Projekt. Atmen, bodyscannen und Stillsitzen kriege ich mittlerweile hin. Ich finde mich erneut in Rheinsberg wieder. Retreat, Runde zwei. Die neue Lektion: Perspektive.

Modul „Perspektive“ (drei Monate):
Im Mittelpunkt steht das Wir: Die Teilnehmer lernen, ihr eigenes Denken zu reflektieren und sich in andere Menschen hineinzuversetzen.
Techniken: Gedankenmeditation und Perspektiv-Dyade

Ab jetzt beobachten wir unsere Gedankenwelt. Diesen kaum greifbaren Wirrwarr, den ich bis dato abschütteln musste, weil er mich von der Achtsamkeit abgelenkt hat. Gedanken beobachten sei wichtig, meint Trainerin Susanne. Denn bevor wir im dritten Teil unser Mitgefühl schulen, müssten wir erst einmal mit uns selbst klarkommen. Das leuchtet ein: Fällt der Luftdruck in der Flugzeugkabine, ziehen wir zuerst uns selbst die Sauerstoffmaske über.

Gedankenmeditation (20min): Zunächst werden die Gedanken kategorisiert, etwa nach Vergangenheit/Zukunft, negativ/positiv oder selbst/andere. Dann wird ihr Kommen und Gehen beobachtet, ohne auf sie zu reagieren – so soll Distanz zu den eigenen Gedanken und Gefühlen entstehen.

Meine erste Gedankenmeditation ist eine einzige Enttäuschung. Von wegen: Die Gedanken sind frei. Von wegen: Tausend Ideen schießen uns auf einmal durch den Kopf. Ich komme gerade mal auf sieben. Sie wiederholen sich nur in einer Endlosschleife. Mein Job, meine Partnerin, meine Freunde, mein Job, die letzte Party, ein Haushaltsplan, mein Job. Die Agenda wird von meinem Kalender festgelegt.

An den Gedanken kleben meist Urteile, die ich nie ernsthaft hinterfragt habe. Meist habe ich sie nicht einmal selbst gefällt. Meine Umwelt hat sie mir beigebracht. Du verschwendest zu viel Zeit! Du sorgst nicht genug für deine Zukunft! Du lebst zu ungesund! Langsam wird mir klar, dass ich in einer Ich-muss-noch-dies-und-das-tun-Zukunft gefangen bin, die ich mir nicht einmal selbst geschaffen habe.

Die Erwartungshaltung anderer reißt eine riesige Lücke zwischen dem Leben, das ich gern hätte und dem Leben, das ich gern haben sollte. Ich bin schockiert.

Nicht mehr normal

Barfuß tragen die Probanden des ReSource Projects ihre Brummschädel über die Wiese vor dem Hotel. Kaffeetasse in der einen Hand, Keks oder Kippe in der anderen. Wie immer schweigen wir. Wir achten auf die Länge unserer Schritte, die Geräusche, die Grashalme zwischen den Zehen. Eine Familie spaziert an uns vorbei.

„Was machen die Leute da auf dem Rasen?“, fragt das Kind. „Guck da nicht so hin, die sind behindert“, antwortet die Mutter.

Was wir da tun, ist nicht normal. Normal ist, auf der Straße mit einem Knopf im Ohr in leuchtende Geräte hinein zu faseln. Normal ist, sich mit hundert Dingen gleichzeitig zu beschäftigen, um nicht über sich selbst nachdenken zu müssen.

Trainerin Susanne lächelt. Susanne lächelt eigentlich immer. Man könnte meinen, es sei aufgesetzt. Mein Urteil. Meine Schuld, dass ich das meine. Die hagere kleine Frau gestikuliert schon die nächste Technik in den Raum hinein: eine Dyade. Dabei handelt es sich um eine Meditation im Dialog. Augenbrauen werden gehoben, Köpfe geschüttelt. Susanne lächelt.

Perspektiv-Dyade (10min): Es wird zu zweit meditiert, von Angesicht zu Angesicht oder über das Smartphone. Die Partner wechseln wöchentlich. Der Sprecher erzählt aus einer seiner persönlichen Rollen heraus ein Erlebnis. Der Zuhörer versucht, die Erzählperspektive unvoreingenommen nachzuvollziehen. Jeder spricht zweimal 2,5 Minuten.

Wir seien soziale Wesen in Beziehungsgefügen, betont sie. Im Lauf unseres Lebens nehmen wir verschiedene Rollen ein, die zu Anteilen unserer Identität würden. Wir seien Kinder, Freunde, Partner, Berufstätige, Eltern. Bestimmte Rollen für bestimmte Menschen, die ihre eigene Sicht auf uns entwickeln. Und diese Menschen verwechseln gern ihre Mitmenschen mit deren Rollen.

Der unfreundliche Kontrolleur in der Bahn. Die lahme Oma vor uns an der Supermarktkasse. Das plärrende Kind in der Nachbarwohnung. In Stresssituationen werden sie schnell als durch und durch unangenehme Menschen abgeurteilt.

Also beginnen wir als erstes, unsere eigenen Rollen besser zu verstehen. Ich schreibe die typischen Anteile meiner Persönlichkeit auf Pappkarten. Der Faulpelz, der Angsthase, der Kontrollfreak. Der Beobachter. Der ist omnipräsent. Immer ein bisschen distanziert und analytisch, neutral und unterkühlt. Beobachten ist mein Beruf.

Und dann ist da noch der Sucher in mir. Erst, als ich gedankenverloren im Bus nach Hause sitze, wird mir klar, dass es ihn gibt. Es ist der, der mich als Kind stundenlang in die Sterne starren ließ und der, der mich jetzt aufs Meditationskissen zerrt, um dem tieferen Sinn und dem ganzen Drumherum nachzugehen. Erkenne dich selbst. Mit der Einsicht schwingt Leichtigkeit, Gleichmut. Innerer Frieden. Und die Reise geht gerade erst los. Glaube ich.

Zu zweit über das Smartphone meditieren

Ich sitze einem bärtigen Mann mit Brille und Norwegerpulli gegenüber. Wir haben noch nie ein Wort miteinander gewechselt, aber vertrauen uns nun in einer Dyade an. Wir sollen aus einer Rolle heraus ein Erlebnis erzählen. Ich habe das Bedürfnis, mein Gegenüber zu unterhalten. Ich schauspielere, anstatt mich um mich selbst zu kümmern.

Beim Mittwochtreffen klärt die Trainerin die Dyaden-Sache auf: Aus verschiedenen Rollen heraus zu sprechen, lässt uns verstehen, dass wir und jeder andere nur eine Wirklichkeit konstruieren und dass diese aus jedem Anteil heraus ganz anders aussehen kann. Es reicht aber nicht, das einmal festzustellen, das müsse wie eine Muskel trainiert werden. Sowohl das Sprechen aus wechselnden Anteilen als auch das Zuhören und Verstehen, was nicht zwingend Gutheißen bedeuten muss.

Die Leute aus der Gruppe werden interessanter. Olaf, den ich als verbitterten Fachangestellten abgespeichert hatte, ist in Wirklichkeit Didgeridoo-Spieler für Wachkoma-Patienten. So kann man sich täuschen. Woran’s liegt?

Mit den Dyaden taten sich die meisten anfangs schwer, mit der unmediativen Art, mit dem Sinn. Aber sie lieben es zuzuhören, sich in verschiedenen Rollen auszutoben, lieben es, dass ihnen niemand ins Wort fällt.

Das alte Leben passt nicht mehr

Im Max-Planck-Institut wird mein Kopf gescannt, schon zum dritten Mal. Die Neurowissenschaftler wollen sehen, wie die Meditation mein Gehirn verändert. Zuvor haben sie mit meinen Gefühlen gespielt. Stromschläge, die meine Empfindsamkeit erfassen sollten, haben mich wütend gemacht, von den Ekelfotos am PC wurde mir übel, und in der virtuellen Horror-Realität bin ich ein bisschen in Panik geraten. Beinahe hätte ich die Kabel aus meinem 3D-Helm gerissen. Jetzt liege ich in der Röhre. Zeit zum Nachdenken, über mich, das Projekt, und die guten Vorsätze für das neue Jahr.

Zwischendurch dachte ich wirklich, meine Mitte gefunden zu haben. Ich glaubte, ein neues Weltbild zu entwickeln und meine Mitmenschen daran teilhaben lassen zu müssen. Schlaue Ratschläge für alle. Glückskeksweisheiten.

Meine Freunde sind wegen der Studie längst skeptisch geworden. Sie fürchten, ich bin einer Hirnwäsche zum Opfer gefallen. Würde mir bald den Schädel rasieren und mich in orangefarbene Tücher hüllen. Sie finden, Ruhe und Gelassenheit ließen mich nur Wurzeln ins Sofa schlagen. Kollegen haben gefragt, was denn nicht stimme. Ich sei in letzter Zeit so wortkarg, würde überhaupt nicht mehr lästern oder gehässig sein. Was sei denn bloß aus den ganzen politisch unkorrekten Randgruppenscherzen geworden.

Mir kommt es vor, als würde ich nicht mehr in die Gesellschaft passen. Auf einmal wurde es mir zu eng in Berlin. Die Leute in der Bahn, mit ihren dicken Fellen und ihren Scheuklappen, sie machten mich plötzlich rasend. Überall Smartphone-Zombies, unaufmerksam, lieb- und leblos. Ich passe hier nicht mehr hin. Ich weiß nicht, wohin sonst, beginne zu zweifeln. Der MRT-Scanner surrt und pocht mich in Trance.

Zu Besuch bei meinen Eltern spaziere ich zu der Wiese, auf dem ich mit meinen Schulfreunden oft die Zeit vergammelt habe. Beim Meditieren habe ich mich manchmal dorthin geträumt, ganz unbewusst. Dort könnte ich meinem persönlichen ReSource Project einen neuen Schub verleihen, denke ich mir. Doch anstelle der Wiese mit ihren roten Mohnblumen und weißen Margeriten steht nun ein riesiges Rapsfeld in Blüte. Gepachtet, beackert, kultiviert. Ich nehme das persönlich. Ich gehöre hier nicht mehr hin.

Erschöpft und ratlos fahre ich ins letzte Retreat. Noch einmal Rheisberg. Die Auszeit tut gut. In der Turnhalle liegen Taschentuch-Boxen aus. Die seien für die Leute da, die nah am Wasser gebaut sind, erklärt Coach Ulrike. Die letzte Phase von ReSource behandle nämlich die Regulation von Emotionen und das Mitgefühl, sagt Ulrike. Als Psychotherapeutin sei sie davon ein Fan. Es geht ans Herz.

Modul „Affekt“ (drei Monate):
Im Mittelpunkt stehen die Akzeptanz eigener Emotionen und das Mitfühlen mit anderen. Altruismus soll gestärkt werden.
Techniken: Herzmeditation und Affekt-Dyade

Zu Beginn der Studie war mir die Sache mit dem Mitgefühl nicht so wichtig. Das Leid in mir und um mich herum hält sich in Grenzen, meinte ich; das konnte ich bislang ganz gut bewältigen, ohne mich bewusst um mehr Mitgefühl bemühen zu müssen. Doch was Ulrike anspricht, passt gerade ziemlich gut zu meiner Hilflosigkeit. Sie sagt, prosoziales Verhalten sei Teil einer Lebenseinstellung und werde mit körpereigenen Opiaten belohnt. Der Wunsch, das Leiden anderer zu mindern, sei die Grundlage für ein friedliches Miteinander. Und das sei uns in dem momentanen Leistungs-System gerade ein bisschen abgegangen. Dort, wo nur der Wettbewerb belohnt wird, gehe die Bindung zu den Mitmenschen und der Zugang zu den Emotionen verloren. Die Folge: Stress, Burnout, Sprünge aus dem Bürofenster im zehnten Stock.

„Richte deine Aufmerksamkeit auf den Herzraum und spüre die natürliche Atembewegung“, sagt Ulrike. „Dann nutze deinen persönlichen Zugang zum Herzen, damit es sich öffnen kann.“

Herz-Meditation (20min): Man stellt einen geliebten Menschen vor und dehnt das Gefühl von Wärme allmählich aus: auf die eigene Person, auf Freunde, schwierige Personen, Fremde. So sollen Gefühle von Wohlwollen, Liebe und Fürsorge gegenüber sich selbst und anderen gestärkt werden.

Mein Zugang ist Henriette, meine adipöse Katze. Die schnurrende Inkarnation des Gleichmuts. Und zwar gute zwölf Pfund davon. Wenn ich an Henriette denke, dann ist die Welt gleich ein bisschen flauschiger. „Wende dich nun dir selbst zu und schenke dir liebevolle Selbstzuwendung“, sagt Ulrike weiter. Und dann kommen vier Glückskekswünsche, die mich einfach mal umhauen, weil sie die Schnittmenge aller menschlichen Bedürfnisse bilden – auch wenn sie etwas gestelzt sind. „Möge ich glücklich sein“, spricht Ulrike vor. „Möge ich mich sicher und geborgen fühlen. Möge ich gesund sein.“ Und ein Satz für mich: „Möge ich unbeschwert leben.“

Das Mitgefühl der Meditierchen

Mir wird warm ums Herz. Ich kann die Hitze in meinem Brustkorb spüren. Ein breites Lächeln auf meinem Gesicht. Ich weite die Wärme aus, erst auf meinen Körper, dann auf die Meditierchen um mich herum, dann auf meine Lieblingsmenschen, und noch weiter. Mitgefühl für alle. Die Energie wird schwächer, je weiter ich sie ausdehne, ihre Dosierung strecke. Dann schwindet meine Kraft, es ist schwierig. Trotzdem habe ich ein bisschen Glückseligkeit entfacht, einfach so, ohne Lieblingssong, ohne Blick aufs Meer, unabhängig. Ich bin hin und weg. Erst war ich von der Achtsamkeit überrascht, jetzt vom Glück.

Kann ich das noch verstärken? Werde ich nächsten Monat zu einem Perpetuum mobile der Glückseligkeit und verpuffe dann in einer Energiewolke? Klar ist: Meine emotionales Spektrum kann ich noch erweitern. Das merke ich bei der neuen Dyade.

Affekt-Dyade (10min): Es wird zu zweit meditiert, von Angesicht zu Angesicht oder über das Smartphone. Die wöchentlich wechselnden Partner erzählen einander, wie sie ein kürzliches Erlebnis emotional und körperlich empfunden haben. Der andere hört empathisch zu. So sollen Mitgefühl, Empathie und Dankbarkeit geschult werden.

Ich muss Thorsten beschreiben, was für mich angenehme und unangenehme Gefühle sind. Auf die schwierigen kann ich mich nicht besinnen. Bei den positiven merke ich, dass ich mir im Überschwang meist peinlich bin, wenn ich kichere und Blödsinn rede. Lieber sind mit die ruhigen, schönen Gefühle, auf einer Wellenlänge mit meinen Jungs, nostalisch auf dem Hügel, ein Bier, ein Lächeln, eine Karmawolke. Thorsten versteht das und hat Tränen in den Augen.

Ich muss erstmal gar nichts

Der Frühling ist explodiert und die Kirschbäume sind zugeknallt mit rosa Blüten, vielleicht seit Wochen schon. Mir fällt es zum ersten Mal auf. Die Achtsamkeit im Alltag lässt zu wünschen übrig. Ich komme gar nicht auf die Idee, an mein Herz zu denken und an gute Wünsche für Fahrgäste in der U-bahn. Aber ich bin gut drauf, vielleicht ist das ja schon etwas. Den anderen geht es auch so. Die Herzmeditation ist schön, das gute Gefühl funktioniert quasi mit einem Fingerschnippen. Die Dyaden mit Alex sind superwitzig. Cooler Typ, ein Punk, ein Kind, ein Filmspinner. Wir erzählen uns keine schwierigen Geschichten, es ist nichts mehr schwierig.

Der Druck von außen, die Macht schlechter Gedanken, der Stress, alles nicht mehr so schlimm. Ich bin sehr mit mir im Reinen und zufrieden. Ich bin nicht motiviert, etwas zu ändern. Ich mache kaum noch Sport, gehe nicht raus, denke nicht nach, stehe nur arrogant über den Dingen, über den Problemen, fühle mich besser als der Rest. Wenn ich Leute sehe, die sich fleißig 14 Stunden am Tag überarbeiten, dann denke ich: Macht ihr mal.

Wo soll das hinführen? Ich zweifle.

„Ich glaube, wir haben uns da eine Horde kleiner Egozentriker gezüchtet“, sagt Christina aus dem Labor.

Eine neue Haltung

Beim letzten Training reflektieren wir noch mal. Lothar hat seine Ernährung umgestellt, Ute Frieden mit ihrer sterbenden Mutter gefunden, Olaf hat sich das Rauchen abgewöhnt, Doris hat keine Kopfschmerzen mehr. Wir können unsere Gedanken ordnen, unsere Mitte finden. Aber in dieser Mitte sind die meisten von uns hängen geblieben. Vielleicht braucht es für das Mitgefühl doch mehr als nur ein paar Wochen Training.

Wir planen, wie wir weiter meditieren können. Mit Tonspur, oder traut sich jemand die Anleitung zu? Den Raum der Charité können wir vorerst weiter benutzen.

Auf den Dielen klebt Konfetti. Ich verfrachte Flaschen und Gläser in die Küche, ziehe einen Müllsack hinter mir her. Zu meiner Geburtstagsparty waren alle da. Meine Freunde haben mir die neue Hippieattitüde verziehen. Und ich habe mir die Meditationspredigten auf der Feier verkniffen. Was gar nicht so einfach war, denn mir sind permanent irgendwelche Zen-Ratschläge durch den Kopf gerauscht. Dass es hilfreich ist, sein dickes Fell abzulegen, wenn man mehr wahrnehmen möchte. Dass es leichter ist, hinter den Wasserfall der Gedanken zu treten und ihn vergnügt zu beobachten, anstatt sich von ihm ertränken lassen. Dass es nicht darum geht, ein Ziel zu erreichen. Sondern darum, eine Haltung zu kultivieren.

Eine halbleere Packung Studentenfutter, wieder sind nur die Rosinen übrig geblieben. Niemand mag Rosinen sonderlich. Ich picke mir eine aus der Tüte heraus und kaue zaghaft darauf herum. Prüfe ihren Geschmack, ihre Konsistenz. Rosinen haben Kerne. Ist mir nie aufgefallen. Ich nehme noch eine, fühle ihre Struktur, rieche an ihr, halte sie ans Ohr. Sie macht Geräusche. Rosinen knistern, hätten Sie’s gewusst?

Wonach schmecken diese Farben?

Wonach schmecken diese Farben?

erschienen in der GEO 11/2015

Zähflüssig verrinnen die Minuten, während ich mich von Buchstabe zu Silbe zu Satz zu Sinn hangele. So muss sich Legasthenie anfühlen. Ich kenne die Symbole, ich habe ihre Bedeutung auswendig gelernt. Doch trotzdem weigert sich mein Gehirn, die Zeichen miteinander zu verbinden. Es ist Buchstaben gewohnt. Keine roten, grünen, blauen Kästchen. Genau das soll aber in meinen Kopf: Jede Farbe steht für einen Buchstaben, ist fest mit ihm verknüpft. B zum Beispiel ist dunkelblau.

Der rechte Zeigefinger muss beim Lesen helfen. Wie damals in der Grundschule. Er leitet meinen Blick über die bunten Quadrate. Irgendwann ist der erste Absatz gemeistert. Die Unendlichkeit zweier voll beschriebener Seiten noch vor mir. Und das jeden Tag. Wochenlang.

Es hat ja auch keiner behauptet, es sei leicht, Synästhesie zu lernen.

Synästhesie. Der Begriff beschreibt die Verschmelzung mehrerer Sinneswahrnehmungen. Synästhetiker nehmen die gewöhnliche Welt auf eine ungewöhnliche Weise wahr. Stellen Sie sich vor, beim Lesen erschienen ihnen die Buchstaben in Farbe getaucht (genau das will ich erreichen). Stellen Sie sich vor, das Knarzen der Stufen in Ihrem Treppenhaus röche nach Pfefferminz. Stellen Sie sich vor, Sie trinken Zitronensaft und fühlten am ganzen Körper Spitzen, und die Zahlen, die sie auf dem Telefon wählen, kitzelten Sie an den Füßen.

Können Sie nicht? Geht mir ähnlich. Aber ich wollte, ich könnte.

Deshalb suchte ich das Sackler Centre for Consciousness Science auf, einen schnörkellos fensterarmen Backsteinklotz auf einem von Nebelschwaden umhüllten Campus der University of Sussex in Brighton. Das Hauptquartier der Synästhesie-Forschung schlechthin. Dort haben britische Wissenschaftler ein Training entwickelt, das über Denksport, Schnelllesen und Kreuzworträtsel hinaus reicht. Es soll auch Nicht-Synästhetiker wie mir den Weg bahnen in die attraktive Welt der übersinnlich Begabten.

Grapheme und Farben

Als ich von dieser Möglichkeit hörte, war ich elektrisiert. Denn Synästhetiker berichten nicht nur von surrealen Sinneswahrnehmungen. Sie gelten auch als ausgeglichen, sorgenfrei, psychisch stabil, begabt. Etlichen Genies wird Synästhesie nachgesagt. Goethe wird sie angedichtet, auch Baudelaire, van Gogh und dem Physiker Nikola Tesla. Kandinsky sowieso; wer seine Bilder betrachtet, begreift ohne synästhetisches Empfinden, wie Klänge auf einer Leinwand aussehen. Auch Lady Gaga behauptet, ihre Musik in Farbe und Form sehen zu können.

Ein bisschen mehr Kreativität, ein bisschen mehr Leichtigkeit, das wollte ich auch. Die Welt anders, intensiver wahrnehmen. Die grauen Zellen trainieren, bis sie Ungewöhnliches können. Übersinnliches, sozusagen.

Im Sackler Centre sitzt mir David Schwartzman mit verschränkten Beinen gegenüber und balanciert ein Diktiergerät auf seinem Knie. Ich starre an ihm vorbei an eine Wand, die eher einen neuen Anstrich als noch ein weiteres Poster über optische Täuschungen vertragen könnte, und überlege, ob ich Buchstaben mit bestimmten Farben verbinde. Naja, der Buchstabe T ist irgendwie magenta, sage ich. Damit wächst man auf, ob man will oder nicht. Der Neuropsychologe grinst mich durch seinen Buffalo-Bill-Bart hindurch an. Damit sei ich noch kein Synästhetiker, findet Schwartzman.

Aber durch sein Training könnte ich einer werden.

Die „Graphem-Farb-Synästhesie“, die ich lernen soll, ist die am weitesten verbreitete von 54 bekannten Synästhesien. Manchen Graphem-Farb-Synästhetikern erscheint ein zusätzlicher Sinneseindruck, fest verwoben in ihren Gedanken. Für andere ist es, als hätten sie einen Monitor vor Augen. Sie sehen die bunten Buchstaben auf einer transparenten Ebene über dem eigentlichen Text schweben.

Schwartzman und seine Kollegen Nicolas Rothen, Daniel Bor und Anil Seth versuchen, mit Gedächtnis- und Leseübungen bunte Assoziationen zu wecken. Neun Wochen lang werden mir mit einem Computerprogramm 13 Buchstaben-Farb-Kombinationen eingeimpft. Ein dunkelblaues B. Ein braunes D. Ein hellgrünes E, und so weiter. Jeden Tag werde ich Farb- und Buchstabenreihen abgefragt, die ich korrekt wiedergeben soll. Ich muss mit Geschwindigkeitstests die gelernten Farben verinnerlichen und Texte lesen, in denen Buchstaben durch ihre zugewiesenen Farbnuancen ersetzt sind.

„Nach unserem Training haben bislang alle Probanden von Farbwahrnehmungen berichtet, die denen echter Synästhetiker ähneln“, berichtet Schwartzman. Und ein schöner Nebeneffekt: Der Sussex-Studie zufolge habe sich ganz nebenbei auch der IQ der Teilnehmer um ein paar Punkte verbessert. Das Gehirn lässt sich offenbar wie ein Muskel trainieren. Nur dass es dabei nicht wesentlich an Masse zulegt, sondern an der Anzahl neuronaler Verknüpfungen.

Der Erfolg der Trainingsstudie zeigt, dass Synästhesie gelernt werden kann, zumindest teilweise. Für einen Lernanteil spricht auch ein Befund aus dem März 2015: Als US-amerikanische Forscher die Häufigkeit bestimmter Buchstaben-Farb-Kombis untersuchten, stellte sich heraus, dass in den 1970er und 1980er Jahren geborene Synästhetiker den Lettern besonders häufig jene Farben zuordneten, die auch die Buchstaben eines weit verbreiteten Magnetalphabets hatten. Denn viele Kinder meiner Generation haben das ABC nicht auf dem Papier gelernt. Während Mutti Mittag machte, heftete unsereins die ersten Worte an Kühlschranktüren. Und übernahm die Farbzuordnungen offenbar vom Spielzeug.

Das reicht natürlich nicht aus, um Synästhetiker zu werden. Dazu braucht es mehr.

Denn eines steht auch fest: Das Phänomen hat eine genetische Komponente. Es gibt Familien, in denen sich diese Art der Wahrnehmung häuft. Von Generation zu Generation weitergegeben wird dabei nicht unbedingt die Art der Synästhesie, sondern vielmehr die Veranlagung, Sinneserfahrungen zu mixen. Ein Vater mit Graphem-Farb-Synästhesie kann also durchaus eine Tochter haben, die Töne schmeckt.

„Eigentlich sind wir alle von Geburt an Synästhetiker“. – David Schwartzman, Neurowissenschaftler

Aber wie genau entsteht nun Synästhesie, welche Verschaltungen im Gehirn liegen dem Sinnesmix zugrunde? Neurowissenschaftler diskutieren vor allem zwei Theorien. Sie kursieren unter den (zunächst) kryptischen Schlagworten „enthemmtes Feedback“ und „Kreuzaktivierung“.

Wenn wir einen Gegenstand wahrnehmen, laufen seine verschiedenen Eigenschaften wie Form, Farbe, Geruch im Gehirn in einer zentralen Schaltstelle zusammen. Dort verschmelzen sie zu einem einheitlichen Sinneseindruck: Das Rechteck ist dunkelbraun und duftet nach Kakao – ein Stück Schokolade. Von dieser Schaltzentrale laufen auch Verbindungen zu anderen Sinnesmodalitäten, die allerdings blockiert sind: Das Braun der Schokolade ist normalerweise nicht mit einem Ton assoziiert.

Bei Synästhetikern aber, so denken sich das die Forscher, ist eben diese Blockade aufgehoben, ist das Feedback zu einem Hirnareal, das an der Wahrnehmung eigentlich nicht beteiligt ist, „enthemmt“. Daher der Name der Theorie. Das bedeutet allerdings auch: Synästhetiker haben – zumindest anatomisch gesehen – das gleiche Gehirn wie Nicht-Begabte. Ihr Gehirn funktioniert nur etwas anders.

Die Theorie der Kreuzaktivierung geht dagegen davon aus, dass bei Synästhetiker zusätzliche Verschaltungen zwischen Neuronen vorhanden sind. Und diese seien Überbleibsel aus der Baby-Zeit. „Denn eigentlich sind wir alle von Geburt an Synästhetiker“, erklärt Schwartzman. Nur verlieren die meisten diese Begabung. Bei Neugeborenen ist das Gehirn für alle Eventualitäten gewappnet, zwischen Nervenzellen existieren Verknüpfungen im Überfluss. Die Sinne fließen noch ineinander.

Unbewusste Gabe

Die Umwelt bestimmt dann, was überlebt. Jene Schaltkreise, die häufig gereizt werden, bleiben erhalten, ja werden sogar verstärkt. Jene, die kaum Signale erhalten, verkümmern. So optimiert sich das Gehirn selbst für die Anforderungen des Lebens.

Bei Synästhetikern wird der ursprüngliche Wildwuchs an Neuronen eben nicht so stark ausgedünnt. Die Forscher aus Sussex sind überzeugt, dass es für Normal-Sinnliche quasi einen Weg zurück gibt, dass sich verlorengegangene Verknüpfungen reaktivieren lassen.

Der Club der genialen Synästhetiker ist also vielleicht gar nicht so elitär. Man kann ihm womöglich nachträglich beitreten.

Laut Sackler Center erlebt eine von 23 Personen die Welt als Synästhetiker. Die Quote variiert jedoch, denn oft ist Synästhetikern gar nicht bewusst, welche Gabe sie haben. Wer kann schon beurteilen, wie er selbst die Welt sieht und wie es andere tun.

Zudem waren Farbenfühlen und Gerüchesehen nicht schon immer erstrebenswert. Lange galt Synästhesie als Hirngespinst, das man entweder geheim hielt oder der Poesie überließ. Dichter nutzten den Sinnesmix als Stilmittel, prägten so die Epoche der Romantik und ließen vor 200 Jahren wie Clemens Brentano „Töne golden niederweh’n“.

Heute steht jedenfalls fest: „Synästhesie ist keine Phantasterei. Sie kann nachgewiesen werden!“, sagt Schwartzman entschlossen und zieht mir mit ebenso viel Entschlossenheit eine Badekappe über die Ohren.

Sicheln und Scheiben blitzen auf

In einem zappendusteren Kämmerchen starre ich auf einen Monitor, der mir ein langweiliges Schachbrett präsentiert. Seine Felder springen ansatzlos hin und her, schwarz wird weiß und weiß wird schwarz. Meine Augen suchen Halt. Zwei Tassen Kaffee halten mich munter, derweil die verkabelten Elektroden in der Badekappe meine Hirnströme messen. Die Aktivität der Sehrinde sei ein guter Indikator für Synästhesie, ruft Schwartzman durch die Tür. „Je höher die Amplitude auf dem EEG, desto mehr Neuronen feuern durch den visuellen Kortex.“

Und je mehr Feuer unterm Schädeldach, desto näher die Synästhesie.

Weitere Hinweise auf ein synästhetisches Gehirn liefert die „Transkranielle Magnetstimulation“, kurz: TMS. Bei dieser Methode durchdringt ein magnetischer Impuls die Schädeldecke und beeinflusst die Neuronen. An der University of Oxford untersuchte der Hirnforscher Devin Terhune die Farbwahrnehmung von Graphem-Farb-Synästhetikern. Ein kurzes „Zapp“ mit dem TMS – und schon sieht der Proband Farben und Formen aufblitzen. Terhune stellte fest, dass die Reizschwelle bei Synästhetikern deutlich niedriger liegt als bei Nicht-Synästhetikern. Bereits ein Drittel des TMS-Impulses reicht bei ihnen aus, um visuelle Effekte auszulösen.

Testweise setzt David Schwartzman das TMS an meinem Kopf an und lässt meinen kleinen Finger zucken. Ich bin gleichermaßen erstaunt und erschrocken ob der Präzision der Magnetimpulse. Dann richtet der Wissenschaftler den Magneten auf meinen visuellen Kortex. Zapp. Vor meinen verschlossenen Augen blitzt etwas Sichelförmiges auf. Dann eine konvexe Linse. Dann eine Scheibe. Die Vision ist kurz und sehr diffus, aber sie genügt dem Hirnforscher. Er notiert meine Beschreibung auf einen Zettel. Mal sehen, welche Bilder das TMS beim nächsten Mal erzeugt, sagt Schwartzman und entlässt mich ins Synästhesie-Training.

Ein gelbes Y

Ein grünes G, ein hellblaues I, ein orangefarbenes O. Wochenlang sitze ich mindestens eine Stunde am Tag vor meinem Tablet und übe. Farben und Buchstaben füllen das Display. Ich merke mir Buchstabenfolgen, die immer länger werden, wenn ich sie richtig wiedergebe. Ich tippe auf Felder in einer Farbpalette, die immer schneller verschwinden, wenn ich richtig liege. Ein rosafarbenes P, ein lilafarbenes Q, ein rotes R.

Ich und Farben. Meine Fähigkeit, Farbnuancen voneinander zu unterscheiden, ist miserabel, mein Kleidungsstil bestätigt das. Bis heute irritiere ich Freunde und Verwandte, wenn ich in beißenden Tönen aufkreuze, oftmals unangemessen, immer quietschbunt. So bunt wie die Wörter, die ich bald in Büchern, Zeitschriften und auf Websites lesen möchte. Schillernd sollen sie sich durch meine Lektüre ziehen und eine farbenfrohe Welt der Sprache eröffnen. So stelle ich mir das jedenfalls vor. Ein graues U, ein weißes W, ein schwarzes X.

Voller Ehrgeiz lerne ich Farben und Buchstaben, präge mir alles ein, wiederhole, wiederhole, wiederhole. Manche Farben passen gut zu ihren Buchstaben, findet mein Gehirn. Andere Paarungen wollen sich die grauen Zellen auf Teufel komm raus nicht merken. Doch so viel ich auch übe: So spektakulär wie erhofft will sich die Synästhesie nicht entfalten. Ich begegne ihr allerhöchstens während meiner Übungen und unmittelbar danach, nie im Alltag. Einmal entzückt mich ein Y, als ich eine Email schreibe. Es taucht einfach so mitten in einem Absatz auf, und zwar viel gelber als es sein sollte.

Doch wie viel hat das, was mit mir passiert, mit Synästhesie zu tun? Arbeitet mein Gehirn bereits synästhetisch und aktiviert andere Areale, sobald der visuelle Kortex stimuliert wird? Oder lerne ich die Buchstaben-Farb-Duos auswendig wie Vokabeln?

Hinter der Augenschranke

Ich treffe mich mit Uta. Ich möchte erfahren, was meine gelernte von der vererbten Synästhesie unterscheidet. Die Physikerin ist „eine gewöhnliche Wald- und Wiesen-Synästhetikerin“, wie sie sagt. „Wenn ich einen Text vor mir habe, dann ist der auch zunächst schwarz auf weiß“, erklärt Uta. „Erst hinter der Augenschranke wird’s bunt.“ Buchstaben haben eindeutige Farben, die bei längeren Wörtern zu Farbbändern verschwimmen. Als ob man mit einem Pinsel quer über die feuchten Farben wischt, sagt sie. „Hätte ich mir das jedoch bewusst ausgesucht, hätte ich kontrastreichere Farben gewählt.“

Meine Trainingseinheiten werden länger. Woche für Woche graben sich die Farben tiefer ins Unterbewusstsein. Immer häufiger quetschen sich dicke Farbblöcke in meine Gedankenkreisel, direkt zwischen Erinnerungen und To-do-Listen. Die Synästhesie scheint gegenwärtig – aber ich lese keine bunten Buchstaben. Ich denke an die Farben, die ich gelernt habe. Doch ich sehe sie nicht.

Vor mir ein Aufsatz aus kryptischen Farbenfolgen. Manche erkenne ich auf Anhieb. Andere bringen mich zur Verzweiflung. Pink, hellgrün, orange, pink, dazwischen ein L, hellgrün, weiß, hellblau, ein T, ein H, rot, hellgrün, ein A, braun, hellblau, ein N, grün, pink, rot, orange, blau, noch ein L, hellgrün, ein M, ein S.

P-e-o-p-l-e-w-i-t-h-r-e-a-d-i-n-g-p-r-o-b-l-e-m-s? Solche Leute sind mir inzwischen vertraut.

Superhirn braucht Disziplin

Zurück in Sussex. David Schwartzman kommt mir mit zwei Bechern Kaffee entgegen, gewohnt lächelnd und bärtig, und fragt, wie es mit dem Training gelaufen sei. Ich verrate ihm nicht, dass ich bei den letzten drei Leseübungen geschummelt habe. Ich habe die Texte – Zeitschriften- und Fachartikel – anhand von Titel und Autor gegoogelt und im Buchstabenoriginal gelesen. Die grauen Zellen wollten nicht länger knobeln. Ein Superhirn verlangt wohl mehr Disziplin.

Doch im Labor spüre ich ein paar Veränderungen. Während des EEG nimmt das Schachbrett auf dem Monitor wesentlich schärfere Konturen an. Über den springenden Feldern spannt sich ein blau-grünes Netz und schwimmt durch mein Sichtfeld. Der visuelle Kortex macht Faxen. Das bestätigt auch die verkabelte Badekappe. Bei der Messung meiner Hirnströme schlägt die Amplitude deutlich höher aus als beim ersten Test. Auch das TMS sorgt für intensiveres Kopfkino. Die Magnetimpulse malen viel hellere Lichtblitze auf meine geschlossenen Lider. Ich nehme stärkere Kontraste wahr, Linien, Bögen.

Ist doch etwas in meinen Hirn passiert?

Es ist. Der finale „Stroop-Test“ zeigt es. Ich soll die Farben einer Reihe bunter Buchstaben in ein Mikrofon sprechen. Wie albern, denke ich und lächle. Schwartzman lächelt zurück, das Ergebnis ahnend. Ein rotes A. Ein blaues B. Ein gelbes C. Kein Problem, natürlich. Doch dann blockiert mein Hirn: Das E müsste doch hellgrün sein, so hellgrün wie immer! Aber es ist rosa, so rosa wie ein P. Mein Kopf fühlt sich an, als würden sich gerade Neuronen verknoten. Bis ich mich überwinden kann, die vorgegebene Farbe anzusagen, verstreichen Sekunden.

Hirn manipuliert

Ein Highfive von David Schwartzman, willkommen im Club der Synästhetiker. Jedenfalls nach der Definition der Sussex-Forscher. Richtig, ich ordne Buchstaben Farben zu. Ja, sie sind fest und unverwechselbar mit den Symbolen verknüpft, Abweichungen (wie das pinke E) lösen einen Konflikt aus. Darüber hinaus ist bei Magnetstimulation meine Reizschwelle für die Farbwahrnehmung gesunken – um 16 Prozent.

Die Kriterien sind erfüllt: Mein Hirn wurde mit relativ einfachen Mitteln manipuliert.

Für die Wissenschaftler an der University of Sussex ist die Synästhesie ein überschaubarer Schauplatz auf dem so schwer zu erschließenden Gebiet der Hirnforschung. Man kann sie messen, man kann experimentelle Bedingungen variieren – und man kann sie offenbar hervorrufen. Über diesen Weg wollen die Wissenschaftler mehr darüber erfahren, wie unser Gehirn auf äußere Reize reagiert, wie es sich anpasst. Gezeigt hat sich, dass sich Wahrnehmung durch simples Training verändern kann. David Schwartzman und seine Kollegen hoffen nun, mit ihren Erkenntnissen zur Behandlung von Krankheiten wie ADHS oder Demenz beizutragen.

Ich habe mir das allerdings anders vorgestellt. Bunter, weniger banal. Ich wollte Farben in meine Umgebung projiziert erleben. Wie fast die Hälfte der Sussex-Probanden es behauptet. Doch die Bilder sind nur in meinem Kopf. Meine Qs sind von nun an eben lila. Schließlich habe ich mir jeden Tag lila Qs angesehen. Habe Termine abgesagt, um trainieren zu können, bin nicht ans Telefon gegangen, weil gerade das Programm lief. Lila Qs sind doch ganz normal, sage ich. „Eine angeborene Synästhesie ist das doch auch: ganz normal“, antwortet Schwartzman.

bouba und kiki

Synästhesie ist deshalb ein so mysteriöses Phänomen, weil sie sich individuell entwickelt. Sie kann wissenschaftlich nachgewiesen werden, doch wie und wie intensiv sie wahrgenommen wird, das variiert von Person zu Person. Und es bleibt immer die Frage: Ist das eine genuine, eine echte Synästhesie? Vor kurzem zum Beispiel fiel einer Kollegin auf, dass ihre Zahlen männlich oder weiblich sind. Und mir selbst, dass meine Wochentage Farben haben. Schuld ist das Layout einer Fernsehzeitung aus den 1990er Jahren. Als echte Synästhetiker würden wir uns beide nicht bezeichnen.

Beat Meier von der Universität in Bern sagt, dass es einen kontinuierlichen Übergang zwischen tatsächlicher Synästhesie und einer einstudierten Assoziation von Buchstaben und Farben gibt. Und man kann diesen Gedanken noch weiter spinnen: Warum „sprechen“ Metaphern zu uns allen, über Kontinente und Kulturen hinweg? Fast jeder findet, dass das Kunstwort „kiki“ irgendwie stachelig klingt, während „bouba“ eher kurvige Formen annimmt. Fast jeder unterscheidet Vokale in eher helle und eher dunkle Laute, vielleicht sogar in verschieden farbige. Und für fast jeden schmeckt Süßes rund, Saures spitz. Vielleicht liegt es ja daran, dass auch bei uns „Normalen“ die Sinne nicht völlig unabhängig voneinander funktionieren. Dass sie zusammen spielen. Dass wir eben alle Synästhetiker sind, ein kleines bisschen zumindest.

Text und Bild: Philipp Brandstädter

Quellen

Harrison, John (2001): Wenn Farben Töne haben. Eintrag zu Baudelaire auf S. 112/113, zu Kandinsky auf S. 120.

Interview mit Lady Gaga

Julia Simner (2013)

Bor et al. (2014)

Witthoft (2015)

Spector/Maurer (2009)

http://wortwuchs.net/stilmittel/synaesthesie

Rothen/Meier (2014)

Ramachandran/Hubbard (2001)

Nachts im Wald

Kassel City Hike

erschienen im Walden Outdoor-Magazin Nr. 4, 2016

Von Nostalgie vernebelt schauen wir auf das Tal hinab. Ich und der nackte Typ mit der versteinerten Mine, den hier alle nur Herkules nennen. Wir gucken am Neptunbassin, dem Fontänenteich, dem Schloss und der jahrhundertealten Gartenkunst vorbei auf die Stadt und staunen uns wortlos an.

Der Bergpark Wilhelmshöhe ist ein gern besuchter Rückzugsort für alle Kasseler, Kasselaner und Kasseläner, wenn sie mal abschalten müssen. Wenn ihre Huskies in der Eissporthalle oder ihr KSV im Auestadion wieder einmal ein Heimspiel vergeigt haben. Oder wenn sie sich wieder einmal zu oft anhören mussten, dass ihre Stadt nur eine von alliierter Konsequenz planierte und pragmatisch wieder aufgebaute Unzumutbarkeit sei, die alle fünf Jahre mit den Relikten einer zeitgenössischen Kunstausstellung gespickt wird, weil den Schrott sonst keiner haben und für dessen fachgerechte Entsorgung niemand aufkommen wollte.

Unter Herkules und mir die Stadt. Drei Stunden bin ich schon durch den Bergpark getingelt. Bin bis zur Endhaltestelle Wilhelmshöhe gefahren und habe mir dann die Bauten und Seen und Grotten, die Teufelsbrücke, das Aquädukt und die Löwenburg angesehen. Dann die gefühlten zehntausend Stufen an den Kaskaden hinauf zum Herkules, dem Wahrzeichen der Stadt. Die Bergparkbesucher treten bereits ihren Heimweg an. Fußball gucken. Oder im Garten grillen, sicherheitshalber unterm Balkon oder Pavillon. Denn der Himmel zieht sich allmählich zu.

Von Herkules in den Wald

Mir ist die Gegend durchaus vertraut. Aber weiter hinaus als bis zur sorgfältig gepflegten Gartenkunst der Wilhelmshöhe bin ich nie gewandert. Der Herkules ist bislang immer Ausflugsziel gewesen, nie der Startpunkt. Dabei erstreckt sich hinter ihm der Habichtswald. Ich will ihn in einem größeren Bogen bis zum Silbersee durchstreifen, entscheide ich mit einem Blick auf eine Wandertafel. Ein Badesee mitten im Wald, im Schutze eines verlassenen Steinbruchs klingt verlockend.

Zugegeben, mir wird ein bisschen mulmig. Schließlich lernt doch jedes Kind: Wenn ein Gewitter aufzieht oder die Sonne untergeht: ab nach Hause. Für gewöhnlich tritt man den Heimweg an, anstatt schnurstracks in den Wald hinein zu schlurfen. Aber genau das ist mein Plan. Ich möchte der Stadt und ihren Bewohnern entfliehen. Auch hinter dem Park im Habichtswald zwischen Kassel und seinen Nachbarorten, Bundesstraße und Autobahn ist eigentlich nicht allzu viel Platz für unberührte Natur. Findet auch Google Maps, bevor mein Handy bei seiner vergeblichen Suche nach einem GPS-Signal den Geist aufgibt.

Vor mir die Wildnis

An einem sonnigen Sonntagnachmittag gehören die vorbildlich ausgeschilderten Waldwege noch den Spazierfamilien. Jetzt aber, bei Dämmerung und unbeständigem Wetter, gehört das Terrain mir allein. Auf den letzten Metern in den Wald kommt mir noch ein ergrauter Jogger entgegen, der mich und den dunkler werdenden Himmel skeptisch im Wechsel mustert. Er ist der letzte Mensch, den ich an diesem Tag zu Gesicht bekomme. Hinter mir die Lichter der Stadt, vor mir die Wildnis.

Der Wald riecht nach feuchtem Moos und Matsch und den frisch geschlagenen Festmetern, die sich in Reih und Glied am Wegesrand stapeln. Zwei wärmeverliebte Mücken umschwärmen mich. Ich bilde mir ein, es seien immer dieselben, über Kilometer hinweg. Dann geht die Welt unter. Es blitzt, es grollt, eine kurze Windböe rauscht durch die Baumwipfel – und schon fängt es an zu schütten. Die Mücken fliehen unter ein Ahornblatt ihrer Wahl und ich bin froh, nicht ganz so herkulesnackt auf der Wilhelmshöhe zu sein.

Ich zerre meine Regenjacke und eine Plane aus meinem Rucksack hervor, stelle mich an einem Rastplatz unter und checke meine Ausrüstung: Hängematte, Regenklamotten, Stirnlampe, Proviant, Kamera. Ein Zelt habe ich mir gespart. Schließlich bin ich nicht im Nirgendwo, sondern halbwegs vor der Haustür. Wenn das Wetter so gar nicht mitspielt, muss ich eben wieder zurück. Doch Minuten später bricht die Sonne wieder durch die Wolken. Und ich habe sie ganz für mich allein.

Schwer zu verlaufen

Der Kasselsteig zieht sich auf rund 160 Kilometern einmal um die Stadt. Seine erste Etappe verläuft durch den Habichtswald. Dort gibt es am Wegesrand etliche kleine Seen und Sehenswürdigkeiten zu begucken. Die Igelsburg, die Grabmäler der Künstlernekropole, die ein paar Freaks errichtet haben, um sich irgendwann dort bestatten zu lassen.

Auf dem Asphalt bis zum Waldhotel Elfbuchen kann man sich nicht wirklich verlaufen. Erst danach beginnt die Natur und führt auf matschigen Trampelpfaden hinein in den Märchenwald, wo das Gros der Grimmschen Sagen entstanden sein soll. Manche von ihnen werden bis heute in einer Waldhüttensiedlung am Hang des Hühnerbergs nachgespielt. Ich überlege kurz, ob ich rotzfrech eine dieser Hütten als Nachtquartier wählen sollte, bis ich bemerke, dass eines der Häuschen bewohnt ist. Die Tür steht offen, harziger Rauch steigt aus dem Metallrohr am Wellblechdach empor – und ich feige Nuss traue mich nicht, wenigstens mal anzuklopfen.

Eine knappe Stunde später stehe ich am Silbersee. Behauptet jedenfalls ein Wegweiser. Ich kann nur weit und breit weder Ufer noch Wasser entdecken. Bis ich merke, dass ich direkt davor stehe. Der Silbersee ist klatschgrün und nicht silber. Seine Wasseroberfläche lückenlos von Entengrütze und Gräsern bedeckt. Ein Reiher verharrt regslos im Schilf. Ich werde ihm seinen Platz nicht streitig machen. Ich drehe mich um – und traue meinen Augen nicht.

Good old sundown

Der Sonnenuntergang an der Lichtung des Waldes verschlägt mir den Atem. Für wenige Sekunden werden der Hügel und die davor liegenden Felder in ein so verkitschtes, unwirkliches Gold gepresst, dass ich nur ungläubig den Kopf schütteln kann. Ich opfere den heiligen Augenblick der vernünftigen Entscheidung, das letzte Tageslicht zu nutzen, um mein Lager aufzubauen.

Entsprechend dahingepfuscht präsentiert sich schließlich meine zwischen zwei Buchen geknotete Schlafkonstruktion aus Hängematte und Moskitonetz. Professionell geht anders, aber dafür bin ich fix. Fixer jedenfalls als ich mir im Dunkeln die Kontaktlinsen aus den Augen pfriemeln kann. Verrichteter Dinge werfe ich mich zufrieden in die Matte, mache mir im Lichtkegel meiner Stirnlampe noch ein Feierabendbier auf und schnippe mir lässig eine Zecke vom Handrücken. Die Sache mit dem schützenden Blutsaugernetz hätte ich vielleicht doch vorher mal üben sollen.

Ich krame in Erinnerungen. Willst du Hustle, komm‘ nach Kassel, scherzte damals ein Freund, als ich aus Berufsgründen hierher zog. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mit der Stadt warm wurde – auch wenn sie so viel schöner ist als ihr Ruf. Die ersten paar Wochen habe ich nur gearbeitet und geschlafen und bin am Wochenende sofort nach Hause. Dann hat mich die Stadt gepackt. Zuerst ihr Nachtleben. Die Bars auf der Friedrich-Ebert-Straße, die Konzerte im Schlachthof, die Abstürze in den Clubs. Drei bis vier Stunden Schlaf mussten von nun an reichen. Ich denke an meine Mitbewohner Johannes und Tina, unsere WG-Partys, unsere Küchengespräche. Ob ich heute Nacht ein Auge zu kriege?

Tiere und Kirmes

Ein Kauz krakeelt in den Wipfeln, der Wind trägt bruchstückhaft die Neunzigermucke einer Dorfkirmes aus dem Tal hinauf, ein Motorrad prollt die B irgendwas entlang. Der Regen setzt wieder ein. Nieselt mir durch das Netz hindurch aufs Gesicht. Am Geräusch der Tropfen auf den Blättern versuche ich noch zu erkennen, ob und wann mein Nachtlager von den Fluten fortgespült wird. Dann sinke ich in einen traumlosen Schlaf.

Zur blauen Stunde hämmert mich schließlich ein Buntspecht aus der Hängematte. Ich sortiere mich. Die Klamotten feucht von Tau und Niesel, eine Schnecke hat sich in meiner Bierdose verkrochen. Die Stunden, die hinter mir liegen: unwirklich. Sonst alles in Ordnung.

Der Wald, die Grabstätte, die Hexenhäuschen, der See – und dann dieser Sonnenuntergang. Und vor allem: diese herrliche Einsamkeit. So ein abendlicher City Hike ist ein greifbares Abenteuer. Irgendwie schön zu wissen, selbst in Stadtnähe ein Stück Wildnis für sich zu haben. Einfach, weil nicht jeder bereit ist, die paar Schritte mehr zu machen als die Masse. Ich packe meine Sachen und trete auf müden Beinen den Heimweg an. Am Blauen See wasche ich mir Gesicht und Füße, dann lasse ich mich irgendwo im Norden der Stadt vom Wald ausspucken.

Hinter meiner Sonnenbrille verstecke ich mich vor der Sonntagslaune der Gassigeher, Brötchenholer und Spielplatzkinder. Mein Zustand ähnelt dem der Clubgänger, die sich nach durchfeierter Nacht auf ihren reuevollen Heimweg vorbereiten. Genau wie sie freue ich mich wie blöd auf eine Dusche und mein Bett. Wir sind erschöpft, etwas dunnhäutig, aber glücklich.